Auslese

Gustav Falke

geb. am 11.01.1853 in Lübeck
gest. am 08.02.1916 in Hamburg

Er arbeitete unter anderem als Buchhändler in Hamburg, dann in in Lübeck, Essen, Hildburghausen und Stuttgart. 1880 kehrte er nach Hamburg zurück und wurde nunmehr Klavierlehrer. Seine in der deutschen Romantik verwur- zelten Gedichte zeichnet eine für ihn charakteristische Bildhaftigkeit aus; eine unverzichtbare Stimme unserer Dichtung!


ausgewählte Werke

Die Morgenpredigt

Heimweh

Das Birkenbäumchen

Der törichte Jäger

Die Kinder schlummern

Feierabend

Am Himmelstor




Die Morgenpredigt

Die Felder lagen still und schwer,
der Sommer brachte Segen.
Wir gingen kreuz und gingen quer
und kamen von den Wegen.

Es stand ein roter Mohn im Korn
und eine weiße Winde,
es hing ein kleines Nest im Dorn,
aus Halmen und aus Rinde.

Ein Sonntag war's, das Dorf versteckt
in Andacht und in Frieden,
und wir, von Wall und Busch umheckt,
von allen abgeschieden.

Dort fiel nun wohl vom Kanzelbord
in die erbaute Menge
gar manches gute Liebeswort
und manches Wort der Strenge.

Hier ward uns eine Predigt rings
aus Sonne und aus Stille,
das Leuchten eines Schmetterlings,
das Zirpen einer Grille.

Und hier und da ein Liebeswort
so abseits von den Wegen.
Die Ähren wogten leise fort,
der Sommer brachte Segen.

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Heimweh

Wo die Wälder Wache halten
um dein weißes Haus,
daß nicht wilde Sturmgewalten
toben ein und aus,

kommt auf weichen, schnellen Schwingen
öfter wohl ein Wehn,
darin ist ein süßes Klingen
und ein Glockengehn.

Heimatlieder, liebe, traute,
o, wie das doch singt,
Heimatglocken, tiefe Laute,
o, wie das doch klingt!

Über deine dunklen, dichten
Wälder wandert still
deine Sehnsucht, die zur lichten
fernen Heimat will.

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Das Birkenbäumchen

Ich weiß den Tag, es war wie heute,
ein erster Maitag, weich und mild,
und die erwachten Augen freute
das übersonnte Morgenbild.

Der frohe Blick lief hin und wieder,
wie sammelt er die Schätze bloß?
So pflückt ein Kind im auf und nieder
sich seine Blumen in den Schoß.

Da sah ich dicht am Wegesaume
ein Birkenbäumchen einsam stehn,
rührend im ersten Frühlingsflaume.
Konnt' nicht daran vorübergehn.

In seinem Schatten stand ich lange,
hielt seinen schlanken Stamm umfaßt
und legte leise meine Wange
an seinen kühlen Silberbast.

Ein Wind flog her, ganz sacht, und wühlte
im zarten Laub wie Schmeichelhand.
Ein Zittern lief herab, als fühlte
das Bäumchen, daß es Liebe fand.

Und war vorher die Sehnsucht rege,
hier war sie still, in sich erfüllt;
es war, als hätte hier am Wege
sich eine Seele mir enthüllt.

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Der törichte Jäger

Er zog hinaus, das Glück zu fangen,
und jagte mit erhitzten Wangen
bis in den späten Abendschein.
Umsonst, es war ein schlimmes Jagen,
er kehrte müde und zerschlagen
in seine warme Hütte ein.

Da saß in schlichtem Werkelkleide,
dem wilden Jäger schier zuleide,
am Herde eine stille Magd.
Sie reichte ihm den Trunk, den Bissen
und ging zu Hand ihm, dienstbeflissen,
wie es dem müden Mann behagt.

Sie hatte still sich eingefunden
und ungefragt, vor Jahr und Stunden,
und ihre Treue nahm er hin.
Heut saß sie blaß zu seinen Füßen;
er ließ sie seinen Unmut büßen,
das flücht'ge Wild lag ihm im Sinn.

»Und muß ich mich zu Tode hetzen,
es soll mein heißes Herz ergetzen,«
rief er und rief sein letztes Wort
und kehrte grollend ihr den Rücken
und setzte über Traumesbrücken
die Jagd nach seinem Wilde fort.

Am Morgen, eh' die Vögel girrten,
erwacht' er. Seine Blicke irrten
schlaftrunken über Bett und Wand
und hin zum Herd. Da stand im Scheine
des Feuers, bleich am weißen Steine,
die Magd, ihr Bündel in der Hand.

»Wohin? Was treibt dich?« - »Laß mich wandern,
mein Dienst gehört jetzt einem andern,
leb wohl, ich kehre nicht zurück.«
Schon stand sie draußen an der Pforte,
er hört nur noch die Abschiedsworte:
»Vergiß mich nicht, ich war das Glück.«

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Die Kinder schlummern

Die Kinder schlummern in den Kissen,
Weich, weichen Atems, nebenan,
Ein Traum vom heutigen Tag, und wissen
Nicht was mit diesem Tag verrann.

Wir aber fühlen jede Stunde,
Die uns mit leisem Flügel streift
Und wissen, daß im Dämmergrunde
Der Zeit uns schon die letzte reift.

Wir sitzen enggeschmiegt im Dunkeln.
So träumt sich's gut. Und keines spricht.
Durchs Fenster fällt ein Sternenfunkeln,
Vom Ofen her ein Streifchen Licht.

Einmal, im Schlaf, lacht eines der Kleinen
Ganz leis. Was es wohl haben mag?
Springt es mit seinen kurzen Beinen
Noch einmal fröhlich durch den Tag?

Ein Mäuschen knabbert wo am Schragen,
Knisternd verkohlt ein letztes Scheit,
Die alte Uhr hebt an zu schlagen -
Da sprichst du leis: "Komm, es ist Zeit!"

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Feierabend

Über reifen Ähren liegt
Stiller, goldner Abendschein.
Eine junge Mutter wiegt
Sacht ihr Kind und singt es ein.

Letzter heller Sensenklang
Zittert übers Feld hinaus,
Und der Schnitter ruht am Hang
Feiernd bei den Seinen aus.

Sein gebräuntes Angesicht
Leuchtet über seinem Sohn;
Doch er stört den Schläfer nicht,
Und die Hütte wartet schon.

Leichter Herdrauch steigt und weht
Über Wipfel her. Nicht fern
Winkt das Dach. Und drüber steht
Friedefromm der Abendstern.

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Am Himmelstor

Ich träumte mich auf einem bangen Weg,
auf einem hohen, schwindelschmalen Steg,
der führte mich bis an das Himmelstor.
Da stand ich lange, ohne Mut, davor.

Und zitternd griff ich nach dem rost'gen Ring,
das Himmelsglöcklein an zu läuten fing;
mein Herz erschrak vor seinem hellen Klang,
ein armer Sünder auf dem letzten Gang.

Dann rasselte ein großer Schlüsselbund,
ein Knarren, bis der Himmel offen stund;
doch hascht' ich nur von seiner Herrlichkeit
mit scheuem Blinzeln einen Streifen breit,

ein Wiesengrün und einen Engelsfuß.
Sankt Peter barg mir jeden weitern Gruß
mit breitem Rücken und erschreckte mich
mit barschen Fragen: »Freund, wer schickte dich?«

»Mich schickte keiner.« »Und was suchst du hier?«
»Nach Erdennot ein ruhiges Quartier,
ein Flügelpaar und himmlisches Gewand,
ein Tröpfchen Tau aus Gottes hohler Hand.«

»Hast du zu solchen Dingen auch ein Recht,
warst du auf Erden ein getreuer Knecht?«
»Ich war Poet.« »Und kommst zu Fuß hier an?
Wo hast du deine Flügel hingetan?«

»Ich schämte mich, weil sie so sehr beschmutzt
und ihre schönsten Federn arg gestutzt,
weil durch das Fliegen nach dem Flitterkranz
des Menschenruhmes dunkel ward ihr Glanz.«

»Und deinen Kranz?« »Ich hab' ihn abgelegt,
daß man mit andern ihn zum Kehricht fegt,
und komm' nun nackt und ohne Glorienschein.«
Da sprach der Pförtner gütig: »Komm, tritt ein.«

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