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Auslese |
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Georg Heym |
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geb. am 30.10.1887 in Hirschberg gest. am 16.01.1912 in Berlin
Große, nachkommende Dichter beeinflussende Werke hinterließ dieser Mann, der leider schon im zarten Alter von 24 Jahren beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ertrank, als er versuchte, seinem Freund Ernst Balcke, ebenfalls ein Lyriker, aus einem aufgebrochenen Eisloch zu helfen. |
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ausgewählte Werke I |
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Was kommt ihr, weiße Falter ... |
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Was kommt ihr, weiße Falter, so oft zu mir? Ihr toten Seelen, was flattert ihr also oft Auf meine Hand, von euerm Flügel Haftet dann oft ein wenig Asche.
Die ihr bei Urnen wohnt, dort wo die Träume ruhn In ewigen Schatten gebückt, in dem dämmrigen Raum Wie in den Grüften Fledermäuse Die nachts entschwirren mit Gelärme.
Ich höre oft im Schlaf der Vampire Gebell Aus trüben Mondes Waben wie Gelächter, Und sehe tief in leere Höhlen Der heimatlosen Schatten Lichter.
Was ist das Leben? Eine kurze Fackel Umgrinst von Fratzen aus dem schwarzen Dunkel Und manche kommen schon und strecken Die magren Hände nach der Flamme.
Was ist das Leben? Kleines Schiff in Schluchten Vergeßner Meere. Starrer Himmel Grauen. Oder wie nachts auf kahlen Feldern Verlornes Mondlicht wandert und verschwindet.
Weh dem, der jemals einen sterben sah, Da unsichtbar in Herbstes kühler Stille Der Tod trat an des Kranken feuchtes Bette Und einen scheiden ließ, da seine Gurgel
Wie einer rostigen Orgel Frost und Pfeifen Die letzte Luft mit Rasseln stieß von dannen. Weh dem, der sterben sah. Er trägt für immer Die weiße Blume bleiernen Entsetzens.
Wer schließt uns auf die Länder nach dem Tode, Und wer das Tor der ungeheuren Rune? Was sehn die Sterbenden, daß sie so schrecklich Verkehren ihrer Augen blinde Weiße? |
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Deine Wimpern, die langen... |
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Deine Wimpern, die langen, Deiner Augen dunkele Wasser, Laß mich tauchen darein, Laß mich zur Tiefe gehn.
Steigt der Bergmann zum Schacht Und schwankt seine trübe Lampe Über der Erze Tor, Hoch an der Schattenwand,
Sieh, ich steige hinab, In deinem Schoß zu vergessen, Fern, was von oben dröhnt, Helle und Qual und Tag.
An den Feldern verwächst, Wo der Wind steht, trunken vom Korn, Hoher Dorn, hoch und krank Gegen das Himmelsblau.
Gib mir die Hand, Wir wollen einander verwachsen, Einem Wind Beute, Einsamer Vögel Flug,
Hören im Sommer Die Orgel der matten Gewitter, Baden in Herbsteslicht, Am Ufer des blauen Tags.
Manchmal wollen wir stehn Am Rand des dunkelen Brunnens, Tief in die Stille zu sehn, Unsere Liebe zu suchen.
Oder wir treten hinaus Vom Schatten der goldenen Wälder, Groß in ein Abendrot, Das dir berührt sanft die Stirn.
Göttliche Trauer, Schweige der ewigen Liebe. Hebe den Krug herauf, Trinke den Schlaf.
Einmal am Ende zu stehen, Wo Meer in gelblichen Flecken Leise schwimmt schon herein Zu der September Bucht.
Oben zu ruhn Im Hause der durstigen Blumen, Über die Felsen hinab Singt und zittert der Wind.
Doch von der Pappel, Die ragt im Ewigen Blauen, Fällt schon ein braunes Blatt, Ruht auf dem Nacken dir aus. |
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Der Tod der Liebenden |
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Durch hohe Tore wird das Meer gezogen Und goldne Wolkensäulen, wo noch säumt Der späte Tag am hellen Himmelsbogen Und fern hinab des Meeres Weite träumt.
»Vergiß der Traurigkeit, die sich verlor Ins ferne Spiel der Wasser, und der Zeit Versunkner Tage. Singt der Wind ins Ohr Dir seine Schwermut, höre nicht sein Leid.
Laß ab von Weinen. Bei den Toten unten Im Schattenlande werden bald wir wohnen Und ewig schlafen in den Tiefen drunten, In den verborgenen Städten der Dämonen.
Dort wird uns Einsamkeit die Lider schließen. Wir hören nichts in unserer Hallen Räumen, Die Fische nur, die durch die Fenster schießen, Und leisen Wind in den Korallenbäumen.
Wir werden immer beieinander bleiben Im schattenhaften Walde auf dem Grunde. Die gleiche Woge wird uns dunkel treiben, Und gleiche Träume trinkt der Kuß vom Munde.
Der Tod ist sanft. Und die uns niemand gab, Er gibt uns Heimat. Und er trägt uns weich In seinem Mantel in das dunkle Grab, Wo viele schlafen schon im stillen Reich.«
Des Meeres Seele singt am leeren Kahn. Er treibt davon, ein Spiel den tauben Winden In Meeres Einsamkeit. Der Ozean Türmt fern sich auf zu schwarzer Nacht, der blinden.
In hohen Wogen schweift ein Kormoran Mit grünen Fittichs dunkler Träumerei. Darunter ziehn die Toten ihre Bahn. Wie blasse Blumen treiben sie vorbei.
Sie sinken tief. Das Meer schließt seinen Mund Und schillert weiß. Der Horizont nur bebt Wie eines Adlers Flug, der von dem Sund Ins Abendmeer die blaue Schwinge hebt. |
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Letzte Wache |
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Wie dunkel sind deine Schläfen. Und deine Hände so schwer. Bist du schon weit von dannen, Und hörst mich nicht mehr.
Unter dem flackenden Lichte Bist du so traurig und alt, Und deine Lippen sind grausam In ewiger Starre gekrallt.
Morgen schon ist hier das Schweigen Und vielleicht in der Luft Noch das Rascheln von Kränzen Und ein verwesender Duft.
Aber die Nächte werden Leerer nun, Jahr um Jahr. Hier wo dein Haupt lag, und leise Immer dein Atem war. |
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Columbus, 12. Okober 1492 |
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Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere, Drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall. Nicht mehr der großen Horizonte Leere, Draus langsam kroch des runden Mondes Ball.
Schon fliegen große Vögel auf den Wassern Mit wunderbarem Fittich blau beschwingt. Und weiße Riesenschwäne mit dem blassern Gefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.
Schon tauchen andre Sterne auf in Chören, Die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn. Die müden Schiffer schlafen, die betören Die Winde, schwer von brennendem Jasmin.
Am Bugspriet vorne träumt der Genueser In Nacht hinaus, wo ihm zu Füßen blähn Im grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser, Und tief im Grund die weißen Orchideen.
Im Nachtgewölke spiegeln große Städte, Fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos, Und wie ein Traum versunkner Abendröte Die goldnen Tempeldächer Mexikos.
Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferne Zittert ein Licht im Wasser weiß empor. Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne. Dort schlummert noch in Frieden Salvador. |
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Ophelia I |
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Im Haar ein Nest von jungen Wasserratten, Und die beringten Hände auf der Flut Wie Flossen, also treibt sie durch den Schatten Des großen Urwalds, der im Wasser ruht.
Die letzte Sonne, die im Dunkel irrt, Versenkt sich tief in ihres Hirnes Schrein. Warum sie starb? Warum sie so allein Im Wasser treibt, das Farn und Kraut verwirrt?
Im dichten Röhricht steht der Wind. Er scheucht Wie eine Hand die Fledermäuse auf. Mit dunklem Fittich, von dem Wasser feucht Stehn sie wie Rauch im dunklen Wasserlauf,
Wie Nachtgewölk. Ein langer, weißer Aal Schlüpft über ihre Brust. Ein Glühwurm scheint Auf ihrer Stirn. Und eine Weide weint Das Laub auf sie und ihre stumme Qual.
II
Korn. Saaten. Und des Mittags roter Schweiß. Der Felder gelbe Winde schlafen still. Sie kommt, ein Vogel, der entschlafen will. Der Schwäne Fittich überdacht sie weiß.
Die blauen Lider schatten sanft herab. Und bei der Sensen blanken Melodien Träumt sie von eines Kusses Karmoisin Den ewigen Traum in ihrem ewigen Grab.
Vorbei, vorbei. Wo an das Ufer dröhnt Der Schall der Städte. Wo durch Dämme zwingt Der weiße Strom. Der Widerhall erklingt Mit weitem Echo. Wo herunter tönt
Hall voller Straßen. Glocken und Geläut. Maschinenkreischen. Kampf. Wo westlich droht In blinde Scheiben dumpfes Abendrot, In dem ein Kran mit Riesenarmen dräut,
Mit schwarzer Stirn, ein mächtiger Tyrann, Ein Moloch, drum die schwarzen Knechte knien. Last schwerer Brücken, die darüber ziehn Wie Ketten auf dem Strom, und harter Bann.
Unsichtbar schwimmt sie in der Flut Geleit. Doch wo sie treibt, jagt weit den Menschenschwarm Mit großem Fittich auf ein dunkler Harm, Der schattet über beide Ufer breit.
Vorbei, vorbei. Da sich dem Dunkel weiht Der westlich hohe Tag des Sommers spät, Wo in dem Dunkelgrün der Wiesen steht Des fernen Abends zarte Müdigkeit.
Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht, Durch manchen Winters trauervollen Port. Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort, Davon der Horizont wie Feuer raucht. |
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Der Winter |
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Der Sturm heult immer laut in den Kaminen, Und jede Nacht ist blutigrot und dunkel, Die Häuser recken sich mit leeren Mienen.
Nun wohnen wir in rings umbauter Enge Im kargen Licht und Dunkel unsrer Gruben, Wie Seiler zerrend an der Tage Länge.
Die Tage zwängen sich in niedre Stuben, Wo heisres Feuer krächzt in großen Öfen. Wir stehen an den ausgefrornen Scheiben Und starren schräge nach den leeren Höfen. |
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Der Garten |
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Der Mund ist feucht. Und wie bei Fischen breit. Und leuchtet rot in dem toten Garten. Sein Fuß ist glatt und über den Wegen breit. Winde gehen hervor aus dem faltigen Kleid.
Er umarmet den Gott, der dünn wie aus Silber Unter ihm knickt. Und im Rücken die Finger Legt er ihm schwarz wie haarige Krallen. Quere Feuer, die aus den Augen fallen.
Schatten gehen und Lichter, manchmal ein Mond. Ein Gesause der Blätter. Aus warmer Nacht Trübes Tropfen. Und unten rufen die Hörner Wandelnder Wächter über der gelben Stadt. |
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Nach der Schlacht |
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In Maiensaaten liegen eng die Leichen, im grünen Rain, auf Blumen, ihren Betten. Verlorne Waffen, Räder ohne Speichen, Und umgestürzt die eisernen Lafeten.
Aus vielen Pfützen dampft des Blutes Rauch, Die schwarz und rot den braunen Feldweg decken. Und weißlich quillt der toten Pferde Bauch, Die ihre Beine in die Frühe strecken.
Im kühlen Winde friert noch das Gewimmer Von Sterbenden, da in des Osten Tore Ein blasser Glanz erscheint, ein grüner Schimmer, Das dünne Band der flüchtigen Aurore. |
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ausgewählte Werke II |
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Die Irren |
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Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand. Die Irren hängen an den Gitterstäben, Wie große Spinnen, die an Mauern kleben. Entlang den Gartenzaun fährt ihre Hand.
In offnen Sälen sieht man Tänzer schweben. Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit Der Wahnsinn auf. Das Brüllen pflanzt sich weit, Daß alle Mauern von dem Lärme beben.
Mit dem er eben über Hume gesprochen, Den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt. Er liegt im Blut. Sein Schädel ist zebrochen.
Der Haufe Irrer schaut vergnügt. Doch bald Enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt, Den Mäusen gleich, die in die Erde krochen. |
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Savonarola |
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Wie eine Lilie durch das Dunkel brennt, So brennt sein weißer Kopf in Weihrauchs Lauge Und blauer Finsternis. Sein hohles Auge Starrt wie ein Loch aus weißem Pergament.
Verzweiflung dampft um ihn, furchtbare Qual Des Höllentags. Wenn er die Hände weitet, Wird er ein Kreuz, das seine Balken breitet Auf dunklem Himmel, groß, und furchtbar fahl.
Er flüstert leise. Übertönt vom Schrein. Ein Riese tanzt, der mit den Geißeln fegt Das Meer der Rücken. Blutdampf steigt wie Wein.
Und sein Gesicht wird von der Wollust klein, Vom Schauder eines Lächelns sanft bewegt, Wie eine Spinne zieht die Beinchen ein. |
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Lichter gehen jetzt die Tage... |
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Lichter gehen jetzt die Tage In der sanften Abendröte Und die Hecken sind gelichtet, Drin der Städte Türme stecken Und die buntbedachten Häuser.
Und der Mond ist eingeschlafen Mit dem großen weißen Kopfe Hinter einer großen Wolke. Und die Straßen gehen bleicher Durch die Häuser und die Gärten.
Die Gehängten aber schwanken Freundlich oben auf den Bergen In der schwarzen Silhouette, Drum die Henker liegen schlafend, Unterm Arm die feuchten Beile. |
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Die Tote im Wasser |
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Die Masten ragen an dem grauen Wall Wie ein verbrannter Wald ins frühe Rot, So schwarz wie Schlacke. Wo das Wasser tot Zu Speichern stiert, die morsch und im Verfall.
Dumpf tönt der Schall, da wiederkehrt die Flut, Den Kai entlang. Der Stadtnacht Spülicht treibt Wie eine weiße Haut im Strom und reibt Sich an dem Dampfer, der im Docke ruht.
Staub, Obst, Papier, in einer dicken Schicht, So treibt der Kot aus seinen Röhren ganz. Ein weißes Tanzkleid kommt, in fettem Glanz Ein nackter Hals und bleiweiß ein Gesicht.
Die Leiche wälzt sich ganz heraus. Es bläht Das Kleid sich wie ein weißes Schiff im Wind. Die toten Augen starren groß und blind Zum Himmel, der voll rosa Wolken steht.
Das lila Wasser bebt von kleiner Welle. - Der Wasserratten Fährte, die bemannen Das weiße Schiff. Nun treibt es stolz von dannen, Voll grauer Köpfe und voll schwarzer Felle.
Die Tote segelt froh hinaus, gerissen Von Wind und Flut. Ihr dicker Bauch entragt Dem Wasser groß, zerhöhlt und fast zernagt. Wie eine Grotte dröhnt er von den Bissen.
Sie treibt ins Meer. Ihr salutiert Neptun Von einem Wrack, da sie das Meer verschlingt, Darinnen sie zur grünen Tiefe sinkt, Im Arm der feisten Kraken auszuruhn. |
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Die Seiltänzer |
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Sie gehen über den gespannten Seilen Und schwanken manchmal fast, als wenn sie fallen. Und ihre Hände schweben über allen, Die flatternd in dem leeren Raum verweilen.
Das Haus ist übervoll von tausend Köpfen, Die wachsen aus den Gurgeln steil, und starren Wo oben hoch die dünnen Seile knarren. Und Stille hört man langsam tröpfeln.
Die Tänzer aber gleiten hin geschwinde Wie weiße Vögel, die die Wandrer narren Und oben hoch im leeren Baume springen.
Wesenlos, seltsam, wie sie sich verrenken Und ihre großen Drachenschirme schwingen, Und dünner Beifall klappert auf den Bänken. |
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Dionysos |
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Am Wege sitzt er. An der Felder Schwelle. Die Winde, die im weißen Korne spielen, Sie tragen ihm des Landes Würze zu.
Des Ölbaums grüner Schatten folgt der Sonne. Im Kreise ziehn am Himmel hin die Stunden. Nun ward es Mittag. Und der Wind schläft ein.
Die Panther stehen müde im Geschirr. Wo ist ihr Goldglanz, der von India kam, Der Welt Entzücken. – Sie sind alt und matt.
Der Gott ist manches Jahr herumgestreift, Verstoßnen Sklaven gleich, durchs Waldgebirge Und niemand hat sich seiner mehr erbarmt.
Durch Städte kam er, wo er einst geherrscht. Die Tempel sind zerstört und schon zerfallen. Kein Opfer netzt den heilgen Boden mehr.
Durch Dörfer kam er, wo sein Säulchen sonst Mit Rosen jeden Morgen ward bekränzt Und wo der Herden Erstling er empfing.
Der Exorzisten Horde in den Kutten Trieb ihn mit Flüchen aus. Und Scheiterhaufen Verbrannten seine letzten Söhne lang.
Ein neuer Gott ist in das Land gekommen. Des Kreuzwegs Heiligkeit ward frech entweiht Von seinem Bilde, das am Kreuze hängt.
Nackt, fahl, und wund, so hängt er in dem Tag Im goldnen Licht des Mittags, anzuschaun, Ein Schandfleck der geschändeten Natur.
Wo sind die Spiele hin, die Philosophenschulen, Heros Akademos. Der Männer Schönheit. Wo ist der Sang der stolzen Olympiaden.
Wo sind die Götter hin. Sie sind verwandelt, Sie sind zerstreut. Sie wohnen in der Erde. O Aphrodite, die zur Spinne ward.
Er sieht herüber zu dem Götterberge. Des eisern Haupt ins Blau des Himmels ragt. Verlassen ist er. Einsam alle Zeit.
»Warum, warum.« Und seine Hände suchen Beim Weinlaub Trost, das ihm zu Häupten hängt, Und zitternd streicheln sie das reife Korn.
Die Tränen rinnen langsam ins Gesicht Des greisen Gottes, in den Falten hängend. Und wie ein Kind schläft er vom Weinen ein.
Dryaden zwei, die in den Wald geflohn, Sie treten aus des Waldes Schatten vor. Vorsichtig spähn sie über Weg und Feld.
Sie sehn den Gott und stürzen ihm zu Fuß: O Vater, Vater. Ach er schläft. Sie tragen Behutsam ihn zum Walde Schritt vor Schritt.
Die Panther folgen ihres Herren Spur. Der Zug verzieht im Wald. Ein goldner Schein Des Wagens schimmert durch die Stämme noch.
Doch atemlos und stumm wird die Natur. »Er ist gestorben« ruft es in den Dörfern. Ein heißer Ostwind streicht durch Asia.
Die Pest tritt in die niedren Türen ein. Vorm Kruzifix zergeißelt sich das Fleisch, Blut netzt des neuen Gottes bleichen Fuß.
Kehr wieder, Gott. Kehr wieder aus dem Reich Des grünen Waldes. Denn erfüllt ist nun Des neuen Gottes kummervolles Reich.
Der Usurpator muß vom Throne stürzen, Die Bettlergilde die sich angemaßt, Der Himmlischen Paläste zu bespein.
Der Himmel ist zum Tollhaus nun geworden. Krankheit und Wahnsinn herrschen im Olymp. Drei ward gleich eins. Und Brot ward dort zu Fleisch.
Sie passen in die Königskleider nicht, Die Zwerge, die wie kleine Affen hocken Im Götterpurpur auf der Blitze Thron.
Kehr wieder Gott, dem Pentheus einst erlag. Du Gott der Feste und der Jugendzeit. Kehr wieder aus des Waldes grünem Reich.
Kehr wieder, Gott. Erlösung, rufen wir. Erlöse uns vom Kreuz und Marterpfahl. Tritt aus dem Walde. Finde uns bereit.
Wir wolln dir wieder Tempel bauen, Herr. Wir wollen Feuer an die Kirchen legen, Vergessen sei des Lebens 'Traurigkeit.
Wir flehn zu dir in mancher stillen Nacht. Wir sehen hoffend zu den Sternen auf. Tritt aus den Sternen. Hör das Rufen, Herr. |
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