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Auslese |
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Hugo von Hofmannsthal |
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geb. am 1.2.1874 in Wien gest. am 15.7.1929 in Rodaun
Unverwechselbar, von dunkler Sprachmagie sind seine voll- kommen Klang gewordenen Gedichte, die wohl jeden Freund deutscher Dichtung be- und verzaubern können. |
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ausgewählte Werke |
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Weltgeheimnis |
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Der tiefe Brunnen weiß es wohl, Einst waren alle tief und stumm, Und alle wußten drum.
Wie Zauberworte, nachgelallt Und nicht begriffen in den Grund, So geht es jetzt von Mund zu Mund.
Der tiefe Brunnen weiß es wohl; In den gebückt, begriffs ein Mann, Begriff es und verlor es dann.
Und redet' irr und sang ein Lied - Auf dessen dunklen Spiegel bückt Sich einst ein Kind und wird entrückt.
Und wächst und weiß nichts von sich selbst Und wird ein Weib, das einer liebt Und - wunderbar wie Liebe gibt!
Wie Liebe tiefe Kunde gibt! - Da wird an Dinge, dumpf geahnt, In ihren Küssen tief gemahnt...
In unsern Worten liegt es drin, So tritt des Bettlers Fuß den Kies, Der eines Edelsteins Verlies.
Der tiefe Brunnen weiß es wohl, Einst aber wußten alle drum, Nun zuckt im Kreis ein Traum herum. |
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Manche freilich müssen drunten sterben... |
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Manche freilich müssen drunten sterben, Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, Andre wohnen bei dem Steuer droben, Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
Manche liegen immer mit schweren Gliedern Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens, Andern sind die Stühle gerichtet Bei den Sibyllen, den Königinnen, Und da sitzen sie wie zu Hause, Leichten Hauptes und leichter Hände.
Doch ein Schatten fällt von jenen Leben In die anderen Leben hinüber, Und die leichten sind an die schweren Wie an Luft und Erde gebunden:
Ganz vergessener Völker Müdigkeiten Kann ich nicht abtun von meinen Lidern, Noch weghalten von der erschrockenen Seele Stummes Niederfallen ferner Sterne.
Viele Geschicke weben neben dem meinen, Durcheinander spielt sie alle das Dasein, Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens Schlanke Flamme oder schmale Leier. |
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Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen... |
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Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen. Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben. Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon In frühern Nächten völlig hingegeben
Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal, Wo auf den leeren Hängen auseinander Die magern Bäume standen und dazwischen Die niedern kleinen Nebelwolken gingen
Und durch die Stille hin die immer frischen Und immer fremden silberweißen Wasser Der Fluß hinrauschen ließ - wie stieg das auf !
Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen Und ihrer Schönheit - die unfruchtbar war - Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz, Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz! |
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Vorfrühling |
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Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder Akazienblüten Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten.
Lippen im Lachen Hat er berührt, Die weichen und wachen Fluren durchspürt.
Er glitt durch die Flöte, Als schluchzender Schrei, An dämmernder Röte Flog er vorbei.
Er flog mit Schweigen Durch flüsternde Zimmer Und löschte im Neigen Der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Durch die glatten Kahlen Alleen Treibt sein Wehn Blasse Schatten
Und den Duft, Den er gebracht, Von wo er gekommen Seit gestern Nacht. |
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Besitz |
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Großer Garten liegt erschlossen, Weite schweigende Terrassen. Müßt mich alle Teile kennen, Jeden Teil genießen lassen!
Schauen auf vom Blumenboden, Auf zum Himmel durch Gezweige, Längs dem Bach ins Fremde schreiten! Niederwandeln sanfte Neige:
Dann, erst dann komm ich zum Weiher, Der in stiller Mitte spiegelt, Mir des Gartens ganze Freude Träumerisch vereint entriegelt.
Aber solchen Vollbesitzes Tiefe Blicke sind so selten! Zwischen Finden und Verlieren Müssen sie als göttlich gelten.
All in einem, Kern und Schale, Dieses Glück gehört dem Traum ... Tief begreifen und besitzen! Hat dies wo im Leben Raum? ... |
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Lebenslied |
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Den Erben laß verschwenden An Adler, Lamm und Pfau Das Salböl aus den Händen Der toten alten Frau! Die Toten, die entgleiten, Die Wipfel in dem Weiten Ihm sind sie wie das Schreiten Der Tänzerinnen wert!
Er geht wie den kein Walten Vom Rücken her bedroht. Er lächelt, wenn die Falten Des Lebens flüstern: Tod! Ihm bietet jede Stelle Geheimnisvoll die Schwelle; Es gibt sich jeder Welle Der Heimatlose hin.
Der Schwarm von wilden Bienen Nimmt seine Seele mit; Das Singen von Delphinen Beflügelt seinen Schritt: Ihn tragen alle Erden Mit mächtigen Gebärden. Der Flüsse Dunkelwerden Begrenzt den Hirtentag!
Das Salböl aus den Händen Der toten alten Frau Laß lächelnd ihn verschwenden An Adler, Lamm und Pfau: Er lächelt der Gefährten. – Die schwebend unbeschwerten Abgründe und die Gärten Des Lebens tragen ihn. |
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Spaziergang |
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Ich ging durch nächtige Gassen Bis zum verstaubten Rand Der großen Stadt. Da kam ich An eine Bretterwand
Auf einem öden Wall von Lehm. Ich konnt nicht weiter gehen Noch auch im klaren vollen Licht Des Monds hinüber spähen.
Dahinter war die ganze Welt Verschwunden und versunken Und nur der Himmel aufgerollt Mit seinen vielen Funken.
Der Himmel war so dunkelblau, So glanz- und wunderschwer, Als rollte ruhig unter ihm Ein leuchtend feuchtes Meer.
Die Sterne glommen, als schauten sie In einen hohen Hain Mit rieselnden dunklen Wassern Und rauschenden Wipfeln hinein.
Ich weiß nicht, was dort drüben war, Doch wars wohl fort und fort Nur öde Gruben Sand und Lehm Und Disteln halbverdorrt.
Sag, meine Seele, gibt es wo Ein Glück, so groß und still, Als liegend hinterm Bretterzaun Zu träumen wie Gott will,
Wenn über Schutt und Staub und Qualm Sich solche Pracht enthüllt, Daß sie das Herz mit Orgelklang Und großem Schauer füllt? |
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Die Beiden |
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Sie trug den Becher in der Hand - Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -, So leicht und sicher war ihr Gang, Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
So leicht und fest war seine Hand: Er ritt auf einem jungen Pferde, Und mit nachlässiger Gebärde Erzwang er, daß es zitternd stand.
Jedoch, wenn er aus ihrer Hand Den leichten Becher nehmen sollte, So war es beiden allzu schwer: Denn beide bebten sie so sehr, Daß keine Hand die andre fand Und dunkler Wein am Boden rollte. |
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Der Prophet |
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In einer Halle hat er mich empfangen Die rätselhaft mich ängstet mit Gewalt Von süssen Düften widerlich durchwallt, Da hängen fremde Vögel, bunte Schlangen,
Das Tor fällt zu, des Lebens Laut verhallt Der Seele Athmen hemmt ein dumpfes Bangen Ein Zaubertrunk hält jeden Sinn befangen Und alles flüchtet, hilflos, ohne Halt. Er aber ist nicht wie er immer war.
Sein Auge bannt und fremd ist Stirn und Haar. Von seinen Worten, den unscheinbar leisen Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen Er macht die leere Luft beengend kreisen Und er kann töten, ohne zu berühren. |
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