Auslese

Uwe Lammla

Uwe Lammla wurde 1961 in Neustadt an der Orla geboren und lebt seit 1984 in München. Die Bände »Gefangener Schwan«, »Weckruf und Mohn« und »Traum von Atlantis« enthalten sein lyrisches Gesamtwerk aus den Jahren 1979 bis 1994. Die frühen Gedichte von Uwe Lammla sind einer Poetik verpflichtet, die ihren Ursprung bei Novalis hat und im zwanzigsten Jahrhundert bei Dichtern wie Rilke, Trakl oder Celan Gestalt gewann. Sie sind ein erster Versuch, ex-
pressive Stimmungsbilder mit strenger Versform zu vereinen. Quelle: www.arnshaugk.de


ausgewählte Werke

Göttlicher Staub

Gartentag

Eichenhain

Das Goldene Korn

Trank und Geist

Judas Ischarioth

Zwilling im Traum

Archilochos




Göttlicher Staub

Unbezwingbar sind die Leichten,
Die nicht zählen und nicht lesen,
Und sie tun, was wir erreichten,
Ab, als wäre nichts gewesen.

Sie bestehn im Folgelosen,
Doch Zerstreutheit, ihrem Alter
Nachzusehn, betaut die Rosen
Und schenkt jedem Jahr die Falter.

Wenn sie unvorsichtig walten,
Ballt ihr Atem sich zur Wolke,
Dürften sie ihn ganz behalten,
Käm kein Dichter aus dem Volke.

Er bemerkt, was sie verloren,
Wenn auch niemand schätzt die Funde,
Fühlt er sich erkannt, erkoren
Und seit Ewigkeit im Bunde.

Seine Opfer und Altäre
Wird kein Himmlischer bemerken,
Selbst wenn er zugegen wäre,
Weiß er nichts von Dienst und Werken.

Doch die Dunkleren, noch blinder
Als die angerufnen Lichten,
Führen auch den Zeichenfinder,
Und das Herz kann nicht verzichten.

Denn die Rose spricht: entfalte,
Und der Falterflügel: schwebe,
Und das vor den Göttern alte
Spricht in alter Weisheit: webe!

Webe ein Gewand den Fernen
Und laß ein die Unbewußten,
Die den Himmel zu besternen
Erst Dein Ja erwarten mußten.

Webe! an den großen Säumen
Soll Dein Blut im Taugold funkeln!
So die Herrin in den Träumen,
Nacht, noch älter als die Dunkeln.

Webe! die dein Garn verfitzen,
Kümmert nicht, ob sie es kleide,
Und sie wollen nicht besitzen,
Keine Schuld und keine Eide.

Frost soll deinen Mut verletzen,
Trauer herrsch in deinen Reichen,
Was du webst, zerfliegt in Fetzen,
Doch es findet deinesgleichen.

Aber du verlorst die Spende
Wie die Götter Staub verloren,
Und erkennst sie, Nacht am Ende,
Unbemerkt aus dir geboren.

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Gartentag

Wenn die Tage länger werden,
Tritt in meinen Garten ein,
Wo mit reineren Beschwerden
Distel grüßt und wilder Wein.

Sei noch einmal eingebunden
In den Kreislauf, der so lang
Atem barg und Taumelstunden,
Ahndung, ach, so weit, so bang.

Keine Nymphe aufzuschrecken,
Klag dem Birnbaum, der die Bank
Schattet, nicht die gelben Flecken,
Nicht, was kommt, was rasch versank.

Dein Geschenk als letzter Pilger
Weih dem Wind, der Wandlung liebt,
Dann vernimm den Troß der Tilger,
Der dir keinen Tag mehr gibt.

Laß die Blüten offenbaren,
Was das Wirkliche, was Schein,
Und wenn einmal Götter waren,
Werden immer Götter sein.

Um dein Lebenswerk zu krönen,
Bleibt dir diese Stunde noch,
Doch verzaubert von den Schönen
Trittst du stumm ins Schweigejoch.

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Eichenhain

Frostig und verwaist am Morgen,
Feucht vom umgestürzten Wein,
Sollst du nicht bei Odin borgen,
Seine Raben nicht entleihn.
Laß im Offnen Gram und Sorgen,
Tritt, beschwingt in Herz und Bein,
Unterm Laubicht hoch geborgen,
Heiter in den Eichenhain.

Wer in diese See zu stechen
Weiß, ist noch vor Sol am Ziel,
Aus dem Stamm der Eiche brechen
Löwe, Natter, Krokodil,
Was die Bilder dir versprechen,
Taugt auch dir zum Minnespiel,
Was der Baum in seinen Flächen
Trägt, verheißt den großen Stil.

Faucht der Drache aus der Rinde,
Frucht aus göttlichem Inzest,
Scheu und Ekel überwinde,
Nimm ein Ei aus diesem Nest,
Wer sich fand in solchem Spinde,
Hält den Segenspfänder fest,
Reich an Ernten und Gesinde,
Bis der Odem ihn verläßt.

Ringe, die der Schlange gleichen,
Recken sich zum Licht empor,
Weit verzweigt, doch in den Speichen
Wölbt sich gotisch Gruft und Chor,
Fand die höchste Rang und Zeichen
Unterm Hammerschlag des Thor,
Sink ins Traumgeheg der Eichen,
Kind und allem Tag zuvor.

Weisheit herrscht in Balders Halle,
Und du saugst das Flüstern ein,
Eh das Horn des Weidners schalle,
Soll ihr Rat der deine sein,
Nicht der Aar mit harter Kralle,
Nicht das Gift, das Ottern spein,
Übertrifft die Wunder alle,
Aufgetan im Eichenhain.

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Das Goldene Korn

So weit dich die Füße tragen
Durch Frühtau und Nebel und Sumpf,
Durch siebenmal Leichtsinn und Plagen,
Durch Traumfelder, leuchtend und stumpf,
Mag mancher Verzicht dir behagen,
Doch treibt dich ein schneidender Dorn,
Du magst allen Göttern entsagen,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Du weißt von Begegnung und Scheiden,
Den Wunsch sich im März zu verfrühn,
Von Herrschaft und Huld, und aus beiden
Den Schmerz, und du könntest dich mühn,
Die Gärten des Gauklers zu meiden,
Die Wahrträume, hell und verworrn,
Die Liebe entfliehn und dem Leiden,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Die Runen des Lichts zu verkehren,
Bist du mit Erleuchtung begabt,
Du kannst alle Süße entbehren,
Daran sich der Schwalbenschwanz labt,
Dem Tier gleich, bewaffnet mit Scheren,
Verleugnen Verheißung von vorn,
Den Göttern das Opfer verwehren,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Die gleichmütig wandeln und spinnen,
Vielleicht gibt die Narrheit dich frei,
Wo Dichter und Held nicht gewinnen,
Obsieg deine Unschuld, auch sei
Vergessen, was jene ersinnen,
Ihr Mund ein versiegelter Born,
Du sollst ihrem Anspruch entrinnen,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Du weißt, daß das sorgsam Gefügte
Einst Schimmel und Fäulnis verfärb,
Der Kreis, der dich pries oder rügte,
Sich schließt auf Gedeih und Verderb,
Doch unter dem Stier, der sie pflügte,
Vernehmen die Kräuter dein Horn,
Den Göttern und Menschen genügte,
Doch niemals dem Goldenen Korn.

Und wenn die Gefährten dich tragen,
Durch Traumwälder, morsch und entlaubt,
So traut sich die Sonne nicht fragen,
Nach Malen an Gliedern und Haupt,
Dann wird dir zur Krönung der Plagen
Ein Engel in schrecklichem Zorn
Das Herz und die Füße zerschlagen,
Doch niemals das Goldene Korn.

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Trank und Geist

Erkenne meinen Hof und schöpf den Trank
Vom Brunnen, noch bevor der Abend sank.
Du bist erschöpft und deine Seele krank,
So sei gelabt und wasch dein Auge blank.
Hier bist du wohl bewahrt vor Krieg und Zank,
Ich frage nichts, erzähl den Birken schlank
Dein Los, und daß du ruhst auf schlichter Bank,
Sei Ehre mir und meinen Göttern Dank.

Ersteige meinen Horst und faß den Met
Mit beiden Händen,wenn der Westwind weht,
Wer hoch hinaus und stets aufs ganze geht,
Der meidet Gram und weibisches Gered.
Drum schmiede, bis der Runenzauber dreht
Das Schwert, und wenn das Aug nach Trübung fleht,
So sei gewiß, sobald das Füllhorn steht,
Komm ich dem Wunsch zuvor und dem Gebet.

Erfahre meine Halle, schmeck das Bier,
Daß niemand sag, du seiest säumig hier,
Dort wo die Schwarte tropft von Elch und Stier,
Vervollkommnt dich das Faß zum reinen Tier.
Die Rüstung, Helm und Wappenschmuck verlier,
Im Reich der Mütter lösch Gestalt und Gier,
Und was mein Stab dir reimt, das glaube mir
Und träum am Fuß von Eiche und Menhir.

Erinnre meines Heims dich, koste Wein,
Wer mich besucht, muß immer trunken sein.
Das Wunder liegt zutag im Sonnenschein,
Denn flüssig ist das wahre Gold vom Rhein.
Was lebt, das liebt, was lieben kann, ist mein,
So spricht der Becher, wenn die Dichter frein.
Was dichtet, schäumt, drum schenk nicht mäßig ein,
Wer so sich läutert, wird zum Edelstein.

Erobere mein Herz und tausch das Blut,
Ein andrer Trank verdünnt den eignen Sud,
Wenn uns der Rausch nicht reicht, die Augenglut
Das Band zerreißt, dann sind die Zähne gut.
Was sich nicht wehrt, das weckt die nackte Wut,
Daß Eros thront und Ares maßlos tut,
Bis der Olymp sich schloß mit Harm und Hut,
Und gastlich sei mein Haus der großen Flut.

Erwähle meine Huld und laß den Geist
Ausschweifen ins Gedicht, das dich beweist.
Er setzt das Maß, das du dem Schenken leihst,
Doch maßlos ist er selbst und trunken meist.
Er hat die Länder, die du suchst, bereist,
Er sagt dir nicht, wie du zur Mittnacht heißt,
Doch hegt er keinen Zweifel, wer du seist,
Und kennt den Trank, daß du zuletzt verzeihst.

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Judas Ischarioth

O fahr, mein Leben, rasch dahin, geschwinder
Als der Gedanke, der mein Herz verbrennt,
Ich weiß nicht, wem ich Sucher war, doch Finder
Bin ich der Fratze, die sich selbst erkennt.

Was muß, o Herr, das Menschenherz erdulden,
Von allen Teufeln stets zugleich verwirrt?
Doch nein, die meine Liebestat entschulden,
Sind schlimmer als der Liebende, der irrt.

Sie werden sagen, um das Volk zu retten
Geriet der Plan, der meinen Herrn versucht,
Und andre, geistig ärmere noch, wetten,
Ich sei von allem Anbeginn verflucht.

Ich habe nur geliebt, wie Menschen lieben,
Mag sein, mich selbst in ihm, und möglich sei,
Daß uns gerade dort Dämonen schieben,
Wo Wollen wählt und, wie wir glauben, frei.

Ich laufe und ich höre die Trompeten
Des Irrsinns: handle rasch, solang du denkst!
Verbrauche zu Visionen und Gebeten
Die wilden Kräfte nicht, bevor du hängst!

Ich ließ die Stadt, die ekelhaft verdreckte,
Ein Spinnennetz von Götzendienst und Geld,
Und hör die Stimme, die mich oft erschreckte,
Liebkosen noch auf gottverlaßnem Feld.

Wir zogen lang zum Garten, wo entscheiden
Du solltest, und mein letzter Kuß gebot
Gewißheit, was geschrieben steht und beiden,
Doch nun erkenn ich dich als meinen Tod.

Und meine Jugend wird am Strick verkommen,
Und keine Macht dir, mich zu strafen, blieb,
Denn da du das Gericht auf dich genommen,
Verrietst du, was mir heilig war und lieb.

Ich weiß, daß ich der Teufel bin und läster,
Doch dies verschlimmert kaum, was längst zuschand,
Und dieser Ast, dies glaube wohl, ist fester
Als Jüngerschaft, die mich im Leben band.

So fahr mein Leben rasch dahin, geschwinder
Als der Gedanke, der mein Herz verbrennt,
Ich weiß nicht, wem ich Sucher war, doch Finder
Bin ich der Fratze, die sich selbst erkennt.

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Zwilling im Traum

Der leichthin am Tage
Und tief in der Nacht
Uns anrührt, in Frage
Stehn dem, der erwacht,
Seit je die Gesetze,
Die traumdunkel gehn,
Wenn all ihre Schätze
Im Morgen verwehn.

Emphasis der Preiser
Und Spott - diesem Nest
Auch Plato nicht weiser
Den Leser entläßt:
Ob Klarheit er spende,
Gesicht, Prophetie,
Stritt bis an ihr Ende
Die Akademie.

Doch da die Mithräen
Die Sichtbarkeit fliehn,
Da Ernten und Säen
Zur Fron wurden, schien
Vom Drachen zu kommen,
Den Georg bezwingt,
Was Knaben und Frommen
Die Lenden beschwingt.

Auch hat uns Alraune
Vom Goldhort geklagt,
Ob Sehnsucht, ob Laune -
Wer weiß, was da tagt?
Der Gott mit der Rebe,
Steift steil sein Gelüst,
Bevor der Ephebe
Den Schmerzensmann küßt.

Verlöschst du die Lichter,
So flieht dich die Zeit,
Und bist du der Dichter
So halt dich bereit,
Daß man dir erschlage,
Das Kind, das du warst,
Weil du noch im Tage
Den Traum offenbarst.

Der Blitz, dich zu spalten,
Der Tau, der dich heilt,
Sind nur als Gestalten
Des Tages geteilt,
Der Traum doch ist beides,
Ist Knabe und Mann,
Des Glückes, des Leides
Erwecker und Bann.

Zu stehn und zu fallen -
Was gilt dies noch, sag,
Dem, der sich in allen
Zu schauen vermag,
Die drüber verlodern,
Die drinnen verglühn,
Die drunter vermodern,
Die draußen sich mühn?

Das Logbuch der Reise -
Der Wind fegt es weiß,
Der Vorhang fällt leise -
Auf wessen Geheiß?
Was gelten die Fragen?
Du hörst sie doch kaum -
Es wird nicht mehr tagen.
Total ist der Traum.

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Archilochos

Wenn sich die Woge, die Hellas umfaßt,
Nicht mehr im Wiegen der Wipfel erlöst,
Wenn sich der Streiter beflügelt im Speer
Und seinen Mut nicht dem Heimatherd weiht,
Sondern im Krieg seine Weltstunde fühlt,
Schwillt ein Gesang an, der himmelhin stößt,
Und, überblendend den Vater Homer,
Aufreißt die Sternengewänder der Zeit.

Nicht von den Müttern, vom Strom, der es trägt,
Spricht dieses Lied, aller Wiederkehr feind,
Einsam und grundlos und selbst allem Grund
Ragt es von Erz aus den Träumen hervor,
Die sich in Fesseln, darein es sie schlägt,
Fassen und lauschen, im Zauber geeint,
Der als des Sängers berufener Mund
Stummheit verfügte für Echo und Chor.

Tief sind die Wunden, die Ares im Feld
Schlägt, wo die Mannen verschwenderisch jung
Waffenruhm heischend ihm stürzen im Tanz,
Aber den Gott, der das Opfer verschlingt,
Der sich im Blitzen der Bronze gefällt,
Tiefer sich rötend und Feuer im Schwung,
Zeugt erst das Wort, dem die Musen den Kranz
Flochten im Krieg, den der Mut nicht erzwingt.

Tod ist dein Los, doch auch jene im Licht
Stehen in stygischer Schuld und die Nacht,
Die das Gesetz der Gestalten nicht litt,
Trug deinen Pfeil, der dem Bogen der Zeit
Jählings entsprang, daß das Auge ihm nicht
Folge noch Ahndung ihn greife, und wacht
Über dem All, das sein Leuchten erstritt,
Ob du ihn wiederschaffst, wieder so weit.

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