Auslese

Nikolaus Lenau

geb. am 13.8.1802 in Csatád
gest. am 22.8.1850 in Oberdöbling

Mit blassem Antlitz, melancholisch und zurückgezogen dreinblickend; so kennt man ihn, den Schicksalsbruder Hölderlins. Berühmt sind seine wunderschönen "Waldlieder", mit denen er sich zweifelsohne in die Gilde der großen Dichter einreiht. Lenau schuf tiefe Sprachkunst, die wir
seit Jahren schätzen, lieben und sicherlich auch vertonen werden.


ausgewählte Werke I

Schilflieder

Herbstklage

Weil' auf mir, du dunkles Auge

Waldlieder

Anna

Beethovens Büste

Himmelstrauer

Die Waldkapelle




Schilflieder

Drüben geht die Sonnen scheiden,
Und der müde Tag entschlief.
Niederhangen hier die Weiden
In den Teich, so still, so tief.

Und ich muß mein Liebstes meiden:
Quill, o Träne, quill hervor!
Traurig säuseln hier die Weiden,
Und im Winde bebt das Rohr.

In mein stilles, tiefes Leiden
Strahlst du, Ferne! hell und mild,
Wie durch Binsen hier und Weiden
Strahlt des Abendsternes Bild.

2

Trübe wird's, die Wolken jagen,
Und der Regen niederbricht,
Und die lauten Winde klagen:
"Teich, wo ist dein Sternenlicht?"

Suchen den erloschnen Schimmer
Tief im aufgewühlten See.
Deine Liebe lächelt nimmer
Nieder in mein tiefes Weh.

3

Auf geheimem Waldespfade
Schleich ich gern im Abendschein
An das öde Schilfgestade
Mädchen, und gedenke dein!

Wenn sich dann der Busch verdüstert,
Rauscht das Rohr geheimnisvoll,
Und es klaget, und es flüstert,
Daß ich weinen, weinen soll.

Und ich mein, ich höre wehen
Leise deiner Stimme Klang
Und im Weiher untergehen
Deinen lieblichen Gesang.

4

Sonnenuntergang;
Schwarze Wolken ziehn,
O wie schwül und bang
Alle Winde fliehn!

Durch den Himmel wild
Jagen Blitze, bleich;
Ihr vergänglich Bild
Wandelt durch den Teich.

Wie gewitterklar
Mein ich dich zu sehn,
Und dein langes Haar
Frei im Sturme wehn!

5

Auf dem Teich, dem regungslosen,
Weilt des Mondes holder Glanz,
Flechtend seine bleichen Rosen
In des Schilfes grünen Kranz.

Hirsche wandeln dort am Hügel,
Blicken in die Nacht empor;
Manchmal regt sich das Geflügel
Träumerisch im tiefen Rohr.

Weinend muß mein Blick sich senken;
Durch die tiefste Seele geht
Mir ein süßes Deingedenken,
Wie ein stilles Nachtgebet!

nach oben



Herbstklage

Holder Lenz, du bist dahin!
Nirgends, nirgends darfst du bleiben!
Wo ich sah dein frohes Blühn,
Braust des Herbstes banges Treiben.

Wie der Wind so traurig fuhr
Durch den Strauch, als ob er weine;
Sterbeseufzer der Natur
Schauern durch die welken Haine.

Wieder ist, wie bald! wie bald!
Mir ein Jahr dahingeschwunden.
Fragend rauscht es aus dem Wald:
-Hat dein Herz sein Glück gefunden?-

Waldesrauschen, wunderbar
Hast du mir das Herz getroffen!
Treulich bringt ein jedes Jahr
Welkes Laub und welkes Hoffen.

nach oben



Weil auf mir, du dunkles Auge

Weil' auf mir, du dunkles Auge,
übe deine ganze Macht,
ernste, milde träumereiche,
unergründlich süße Nacht.

Nimm mit deinem Zauberdunkel
diese Welt von hinnen mir,
daß du über meinem Leben
einsam schwebest für und für.

nach oben



Waldlieder

Am Kirchhof dort bin ich gestanden,
Wo unten still das Rätsel modert
Und auf den Grabesrosen lodert;
Es blüht die Welt in Todesbanden.

Dort lächelt auf die Gräber nieder
Mit himmlisch duldender Gebärde
Vom Kreuz das höchste Bild der Erde;
Ein Vogel drauf, sang seine Lieder.

Doch kaum daß sie geklungen hatten,
Flog scheu zum Wald zurück der Wilde;
Ich sang, wie er, ein Lied dem Bilde
Und kehrte heim in meine Schatten,

Natur! will dir ans Herz mich legen!
Verzeih, daß ich dich konnte meiden,
Daß Heilung ich gesucht für Leiden,
Die du mir gabst zum herben Segen.

In deinen Waldesfinsternissen
Hab ich von mancher tiefen Ritze,
Durch die mir leuchten deine Blitze,
Den trüglichen Verband gerissen.

2

Die Vögel fliehn geschwind
Zum Nest im Wetterhauche,
Doch schleudert sie der Wind
Weitab von ihrem Strauche.

Das Wild mit banger Hast
Ist ins Gebüsch verkrochen;
Manch grünend frischer Ast
Stürzt nieder, sturmgebrochen.

Das Heer der Wolken schweift
Mit roten Blitzesfahnen,
Aufspielend wirbelt, pfeift
Die Bande von Orkanen.

Das Bächlein, sonst so mild,
Ist außer sich geraten,
Springt auf an Bäumen wild,
Verwüstend in die Saaten.

Der Donner bricht herein,
Es kracht die Welt in Wettern,
Als wollt am Felsgestein
Der Himmel sich zerschmettern.

Der Regen braust; nun schwand
Das Tal in seiner Dichte;
Verpfählt hat er das Land
Vor meinem Augenlichte.

Doch mir im Herzensgrund
Ist Heiterkeit und Stille;
Mir wächst in solcher Stund
Und härtet sich der Wille.

3

Durch den Hain mit bangem Stoße
Die Gewitterlüfte streichen;
Tropfen sinken, schwere, große,
Auf die Blätter dieser Eichen.

An ein banges Herzensklopfen
Mahnt mich dieser Bäume Schwanken,
Mahnt mich an Gewittertropfen,
Die aus lieben Augen sanken.

Muß ein großer Schmerz in Zähren
Sich entlasten unaufhaltsam,
Stürzen ihm die großen, schweren
Tropfen plötzlich und gewaltsam.

War die Träne noch zu fassen,
Kam sie nicht hervorgebrochen,
Denn der Schmerz will sie nicht lassen,
Will sie heißer, herber kochen.

Oh, es waren heiße, herbe,
Die aus ihren Augen quollen;
Und ich werde, bis ich sterbe,
Sehen diese Tränen rollen.

4

Bist fremd du eingedrungen,
So fürcht Erinnerungen,
Sie stürzen auf Waldwegen
Wie Räuber dir entgegen.

Willst du im Walde weilen,
Um deine Brust zu heilen,
So muß dein Herz verstehen
Die Stimmen, die dort wehen.

In froher Kinder Kreise
Verjüngen sich die Greise,
Und Grambeladne werden
Noch einmal froh auf Erden.

Verjüngender doch wirken
In heimlichen Bezirken,
Im Schoß der Waldesnächte
Natur und ihre Mächte.

Hier quillt die träumerische,
Urjugendliche Frische,
In ahndungsvoller Hülle
Die ganze Lebensfülle.

Es rauschet wie ein Träumen
Von Lieder in den Bäumen,
Und mit den Wellen ziehen
Verhüllte Melodien.

Im Herzen wird es helle,
Und heim zum ewgen Quelle
Der Jugend darfst du sinken,
Dich frisch und selig trinken.

Sehnsüchtig zieht entgegen
Natur auf allen Wegen,
Als schöne Braut im Schleier,
Dem Geiste, ihrem Freier.

Tautropfen auf den Spitzen
Der dunklen Halme blitzen
Wie helle Liebeszähren,
Ein süß nach Ihm Begehren.

Sie schweigt in Sehnsucht lauschend,
Dann plötzlich, freudig rauschend,
Scheint selig sie zu spüren,
Daß er sie heim wird führen.

All ihre Pulse beben,
In ihm, in ihm zu leben,
Von ihm dahinzusinken,
Den Todeskuß zu trinken.

So lauscht und rauscht die Seele,
Daß Gott sich ihr vermähle,
Fühlt schon den Odem wehen,
In dem sie wird vergehen.

5

Wie Merlin
Möcht ich durch die Wälder ziehn;
Was die Stürme wehen,
Was die Donner rollen
Und die Blitze wollen,
Was die Bäume sprechen,
Wenn sie brechen,
Möcht ich wie Merlin verstehen.
Voll Gewitterlust
Wirft im Sturme hin
Sein Gewand Merlin,
Daß die Lüfte kühlen,
Blitze ihm bespülen
Seine nackte Brust.

Wurzelfäden streckt
Eiche in den Grund,
Unten saugt versteckt
Tausendfach ihr Mund
Leben aus geheimen Quellen,
Die den Stamm gen Himmel schwellen.

Flattern läßt sein Haar Merlin
In der Sturmnacht her und hin,
Und es sprühn die feurig falben
Blitze, ihm das Haupt zu salben;
Die Natur, die offenbare,
Traulich sich mit ihm verschwisternd,
Tränkt sein Herz, wenn Blitze knisternd
Küssen seine schwarzen Haare. -

Das Gewitter ist vollbracht,
Stille ward die Nacht;
Heiter in die tiefsten Gründe
Ist der Himmel nach dem Streite,
Wer die Waldesruh verstünde
Wie Merlin, der Eingeweihte!

Frühlingsnacht! kein Lüftchen weht,
Nicht die schwanksten Halme nicken,
Jedes Blatt, von Mondesblicken
Wie bezaubert, stille steht.

Still die Götter zu beschleichen
Und die ewigen Gesetze,
In den Schatten hoher Eichen
Wacht der Zaubrer, einsam sinnend,
Zwischen ihre Zweige spinnend
Heimliche Gedankennetze.

Stimmen, die den andern schweigen,
Jenseits ihrer Hörbarkeiten,
Hört Merlin vorübergleiten,
Alles rauscht im vollen Reigen,
Denn die Königin der Elfen
Oder eine kluge Norn
Hält, dem Sinne nachzuhelfen,
Ihm ans Ohr ein Zauberhorn.
Rieseln hört er, springend schäumen
Lebensfluten in den Bäumen;
Vögel schlummern auf den Ästen
Nach des Tages Liebesfesten,
Doch ihr Schlaf ist auch beglückt;
Lauschend hört Merlin entzückt
Unter ihrem Brustgefieder
Träumen ihre künftgen Lieder.
Klingend strömt des Mondes Licht
Auf die Elch und Hagerose,
Und im Kelch der feinsten Moose
Tönt das ewige Gedicht.

6

Der Nachtwind hat in den Bäumen
Sein Rauschen eingestellt,
Die Vögel sitzen und träumen
Am Aste traut gesellt.

Die ferne schmächtige Quelle,
Weil alles andre ruht,
Läßt hörbar nun Welle auf Welle
Hinflüstern ihre Flut.

Und wenn die Nähe verklungen,
Dann kommen an die Reih
Die leisen Erinnerungen
Und weinen fern vorbei.

Daß alles vorübersterbe,
Ist alt und allbekannt;
Doch diese Wehmut, die herbe,
Hat niemand noch gebannt.

7

Schläfrig hangen die sonnenmüden Blätter,
Alles schweigt im Walde, nur eine Biene
Summt dort an der Blüte mit mattem Eifer;
Sie auch ließ vom sommerlichen Getöne,
Eingeschlafen vielleicht im Schoß der Blume.
Hier, noch Frühlings, rauschte die muntre Quelle;
Still versiegend ist in die Luft zergangen
All ihr frisches Geplauder, helles Schimmern.
Traurig kahlt die Stätte, wo einst ein Quell floß;
Horchen muß ich noch dem gewohnten Rauschen,
Ich vermisse den Bach, wie liebe Grüße,
Die sonst fernher kamen, nun ausgeblieben.
Alles still, einschläfernd, des dichten Mooses
Sanft nachgiebige Schwellung ist so ruhlich;
Möge hier mich holder Schlummer beschleichen,
Mir die Schlüssel zu meinen Schätzen stehlen
Und die Waffen entwenden meines Zornes,
Daß die Seele, rings nach außen vergessend,
Sich in ihre Tiefen hinein erinnre.
Preisen will ich den Schlummer, bis er leise
Naht in diesem Dunkel und mir das Auge schließt.
Schlaf, du kindlicher Gott, du Gott der Kindheit!
Du Verjünger der Welt, die, dein entbehrend,
Rasch in wenig Stunden wäre gealtert.
Wundertätiger Freund, Erlöser des Herzens!
Rings umstellt und bewacht am hellen Tage
Ist das Herz in der Brust und unzugänglich
Für die leiseren Genien des Lebens,
Denn ihm wandeln voran auf allen Wegen
Die Gedanken, bewaffnet, als Liktoren,
Schreckend und verscheuchend lieblichen Zauber.
Aber in der Stille der Nacht, des Schlummers,
Wacht die Seele heimlich und lauscht wie Hero,
Bis verborgen ihr Gott ihr naht, herüber
Schwimmend durch das wallende Meer der Träume.

Eine Flöte klang mir im Schlaf zuweilen,
Wie ein Gesang der Urwelt, Sehnsucht weckend,
Daß ich süß erschüttert erwacht' in Tränen
Und noch lange hörte den Ruf der Heimat;
Bliebe davon ein Hauch in meinen Liedern!

Schlaf, melodischer Freund, woher die Flöte?
Ist sie ein Ast des Walds, durchhaucht vom Gotte,
Hört ich im Traum des heiligen Pan Syringe?

8

Abend ists, die Wipfel wallen
Zitternd schon im Purpurscheine,
Hier im lenzergriffnen Haine
Hör ich noch die Liebe schallen.

Kosend schlüpfen durch die Äste
Muntre Vöglein, andre singen,
Rings des Frühlings Schwüre klingen,
Daß die Liebe ist das beste.

Wo die frischen Wellen fließen,
Trinken Vöglein aus der Quelle,
Keins will unerquickt zur Stelle
Seinen Tagesflug beschließen.

Wie ins dunkle Dickicht schweben
Vöglein nach dem Frühlingstage,
Süß befriedigt, ohne Klage,
Möcht ich scheiden aus dem Leben;

Einmal nur, bevor mirs nachtet,
An den Quell der Liebe sinken,
Einmal nur die Wonne trinken,
Der die Seele zugeschmachtet,

Wie vor Nacht zur Flut sich neigen
Dort des Waldes durstge Sänger;
Gern dann schlaf ich, tiefer, länger,
Als die Vöglein in den Zweigen.

9

Rings ein Verstummen, ein Entfärben;
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise,
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Vögel haben ausgesungen,
Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden
Aus dem Verfall des Laubes tauchen
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir, als hör ich Kunde wehen,
Daß alles Sterben und Vergehen
Nur heimlichstill vergnügtes Tauschen.

nach oben



Anna

Anna steht in sich versunken,
Blicket in den See hinein,
Weidet, eigner Schönheit trunken,
Sich an ihrem Widerschein.

Sie beginnt hinab zu reden:
Wunderholde Jungfrau, sprich,
Schönstes Bild im Lande Schweden,
Bin ich du? und bist du ich?

Nein, o nein, ich glaub es nimmer,
Wenn es auch die Welt mir schwört,
Daß so heller Rosenschimmer
Meinen Wangen angehört.

Dieser Mund, ist er der meine,
Den dies süße Lächeln bricht?
Seh ich doch, wie auch der deine
Fragend mir entgegenspricht.

Liebes Wasser, sag, erzähle,
Hast mein Auge du gemalt?
Oder ist des Himmels Seele,
Was dein Spiegel widerstrahlt?

Anna neigt vom grünen Strande
Sich in ihres Bildes Näh,
Streift vom Busen die Gewande,
Läßt ihn leuchten in den See.

Nach dem Bilde niederhangend,
Starrt sie zweifelnd und beglückt,
Und das Bild, ihr nachverlangend,
Starrt bewundernd und entzückt.

Fragt das Bild, im Wasser schwebend:
Anna, hab ich dich erreicht?
Fragt das Mädchen, freudig bebend.
Bin ich schöner noch vielleicht?

In den seligen Gebärden,
Die das Bild ihr abgelauscht,
Sieht sich Anna schöner werden,
Und die Jungfrau steht berauscht.

»Wenn so schön ich immer bliebe!
Muß dies Bild denn auch vergehn?«
Ruft sie, eitler Eigenliebe,
Horch! die Winde sausend wehn!

Rauschend wird ihr Bild zertrümmert
Im empörten Wellenschaum;
Und das Mädchen sieht bekümmert
Sich darin vergehn wie Traum.

Und im Walde knarrt es knickend,
Und am Ufer schwankt das Rohr,
Aus den Weiden, freundlich nickend,
Huscht ein altes Weib hervor.

Alte spricht, und weint verstohlen:
»Wie dein Bild im Wind zerfuhr,
Würden deine Kinder holen
Deiner Schönheit letzte Spur.

Denn die Schönheit ihrer Mutter
Ist der Kinder liebster Fraß,
Ist der Kinder feinstes Futter;
Schöne Jungfrau, merk dir das!

Wag es nur und kehre wieder
Nach dem ersten Wochenweh,
Komm und spiegle deine Glieder
Dann im peinlich klaren See.

Komm und schau dann mit Entsetzen
Deine Brüste, junges Blut,
Gleich gezognen Fischernetzen
Zitternd schwimmen in der Flut.

O dann frage deinen Schatten:
Wangen, seid ihr mein, so bleich?
Augen mein, ihr hohlen, matten?
Weinen wirst du in den Teich,

Kommt ein Mann, um dich zu freien,
Eile du zu mir geschwind:
Und ich will den Leib dir feien,
Daß du nie empfängst ein Kind.«

Anna spricht mit dunklen Schauern.
»Wenn du mir zu helfen meinst,
Daß die Schönheit mir mag dauern,
Mütterlein, so komm ich einst.«

II

Vor dem Fenster steht der Ritter
Singt bei Nacht mit süßem Laut,
Schlägt dazu die helle Zither:
»Willst du heißen meine Braut?

Hab ein Schloß und finstre Wälder,
Berge, hab ich, reich an Erz,
Muntre Herden, goldne Felder,
Und nach dir ein krankes Herz!

Schmücke dir mit Edelsteinen,
Gold und Perlen Hals und Hand,
Liebchen, schmücke dich mit meinen
Narben aus dem heilgen Land.

Morgen wird die Sonne steigen;
Strahlt herauf die Sonne klar,
Soll sie meinen Wuchs dir zeigen
Und dir leuchten zum Altar.

Hier an diesem Rosensprosse
Häng ich dir mein Ringlein auf!«
Sangs und schwang sich auf zu Rosse,
Sprengt' davon im flüchtgen Lauf. -

»Willst du meinen Finger tauschen,
Ringlein, mit dem Rosenreis?«
Anna nimmts, die Hecken rauschen,
Und im Dickicht naht es leis.

Schwarz verhangen Mond und Sterne
Durch den Blütenstrauch herein
Wiegt sich eine Blendlaterne,
Wie Johanniskäferschein.

Freundlich nickend, bleich verdüstert,
Steht das Mütterlein vom See,
Weint verstohlen, und sie flüstert:
»Schöne Jungfrau, weh dir, weh!

Von den Rosen hier empfangen
Hast du's Ringlein, und es droht
Bald den Rosen deiner Wangen
Dieses Ringlein bleichen Tod.

Folge mir!« - Sie schreiten beide
Weite Strecken stumm und sacht
Über eine öde Heide
In der stummen dunklen Nacht.

Und an einer Windmühl stille
Hält das alte Zauberweib:
»Bräutchen, ists dein fester Wille,
Daß unfruchtbar sei dein Leib?

Willst?« - »Ich will es!« und sie schleichen
Jetzt die Mühlentrepp empor,
Feiernd stehn die Flügelspeichen,
Taghell tritt der Mond hervor.

Braune Weizenkörner sieben
Aus dem Sack die Alte greift,
Und das Ringlein ihres Lieben
Sie der Braut vom Finger streift.

»Wenn nicht meine Zauber wären«,
- Spricht das Mütterlein vom See, -
»Würdest sieben du gebären
In der schmerzenreichen Eh.«

Durch das Ringlein wirft hinunter
Sie ein Korn zum runden Stein:
Plötzlich wird die Mühle munter,
Brausend fällt ein Windstoß drein;

Und die Mühle mahlt im Winde,
Schaudernd hört die junge Braut
Leise, wie von einem Kinde,
Wimmern einen kurzen Laut

Drauf todstill in alle Weite,
Anna hört ihr Herz allein,
Und die Alte wirft das zweite
Weizenkorn hinab zum Stein:

Wieder mahlt die Mühl im Winde,
Schmerzend hört die junge Braut
Leise, wie von einem Kinde,
Wimmern einen kurzen Laut.

Alte wirft das dritte, vierte,
Fünfte Korn, noch zwei hinein:
Jedmal sich der Windstoß rührte,
Und zerreibend lief der Stein.

Siebenmal hat es gewimmert,
Hat ein Weh durchzuckt die Maid.
Wieder Ruh - der Vollmond schimmert
Nieder auf die stille Heid.

Mütterlein jetzt freudig kichert,
Steckt das Ringlein ihr zurück:
»Nie ergreift dich, bist gesichert,
Jammervolles Mutterglück!«

Heim, zuvor den Morgenstunden,
Eilt nun Anna, fürcht't sich schier;
Schüchtern blickt sie um - verschwunden
Ist die Alte hinter ihr.

III

Schautet ihr das Bräutchen schwärmen
Auf der Heid im Mondenstrahl,
Würdet ihr im Schloß nicht lärmen,
Rüsten nicht das Hochzeitsmahl.

Dreier Tage galts ein Jagen,
Scholl das Horn in Wald und Kluft,
Mancher Keuler ward erschlagen,
Vögel stürzten aus der Luft.

Und der Hirsch, der Stolz der Schluchten,
Liegt mit zwanzig Enden kalt,
Liegt, als hätt er auf den Fluchten
Mitgerissen ein Stück Wald.

Denn zur Ehre seines Festes
Rief der Ritter in den Forst:
»Lieber Wald! heraus dein Bestes,
Schönstes an Geweih und Borst!«

Früh am Morgen in dem Schlosse
Werden hundert Gäste laut,
Mit dem Ritter, hoch zu Rosse,
Holen sie die schöne Braut.

Anna glänzt im Brautgeschmeide,
Strahlt in Schönheit wunderbar,
Daß das Volk aufschreit vor Freude,
Wo vorüberzieht die Schar.

Kein so schönes Weib begegnet
Heut der Sonne auf der Welt;
Und der Priester, wie er segnet,
Vor Erstaunen innehält.

Erich, dem zur Pflicht des Weibes
Sie der Priester angetraut,
In die Schönheit ihres Leibes,
Seinen offnen Himmel, schaut.

Anna freut sich all des Glanzes,
Ihres Ritters freut sie sich,
Ihres grünen Myrtenkranzes,
Ihrer selbst herzinniglich.

Bald beginnt ein festlich Schmausen,
Geigenschall und Hörnerklang,
Lebehoch! und Tanzesbrausen,
Becherklirren, Spiel und Sang.

Aber als die Nacht gekommen:
Dicht in ihres Ohres Näh
Hört die schöne Braut, beklommen,
Rauschen den bekannten See.

Trüb ihr alle Kerzen flimmern,
Und die Luft wird ihr so schwül,
Durchs Getös das leise Wimmern
Hört sie von der Heidemühl.

IV

Sieben Jahre sind verflossen,
Spurlos wie die Flut ins Meer,
Seit der Ehbund ward geschlossen,
Heute ist die Jahreskehr.

Anna wird im Land besungen
Als die allerschönste Frau;
Sie empfängt die Huldigungen,
Wie die Rose ihren Tau.

Keines von den süßen Liedern
Mag ein Blick gerührter Huld,
Mag ein süßes Wort erwidern;
Anna trägt nur eine Schuld.

Oftmals bei geschloßnem Riegel
Ist sie unbelauscht allein,
Stürzt ihr Aug sich in den Spiegel,
Schwelgt in ihrem Widerschein.

Gerne mag sich Anna zieren,
Reich geschmückt am Spiegel stehn;
Bis sie fühlt geheimes Frieren,
Wenn sie lang hineingesehn.

Klirrt und rauscht dann Gold und Seide,
Dünkt ihr oft, es werde wach
Jener bange Laut der Heide,
Der manchmal ihr wehte nach.

Anna ist so schön geblieben,
Wie als Braut einst am Altar;
Erich trauert, daß sein Lieben
Und sein Leben unfruchtbar.

Schweigend reiten sie zum Schlosse
Heim von einer Kindestauf;
Als ihr leuchtender Genosse
Zieht der volle Mond herauf.

Erich reitet in Gedanken
Hinter seinem Weibe fort,
Sieht des Waldes Schatten wanken
Unstät wechselnd hier und dort.

Als sie weiter traben beide,
In Gedanken, ohne Laut,
Als sie kommen auf die Heide,
Wo sie einst geirrt als Braut:

Sieht er ihres Pferdes Schatten
Um die Reiterin verkürzt,
Und das Bild erschreckt den Gatten,
Ob sein Weib vom Roß gestürzt?

Nein, sie sitzt! »Gott sei uns gnädig!«
Ruft er aus - »Verfluchtes Weib!
Nur dein Roß, als ging' es ledig,
Keinen Schatten wirft dein Leib!«

Aber Anna treibt den Zelter,
Zitternd vor dem Mondenstrahl,
Vor dem himmlischen Vergelter,
Und dem zürnenden Gemahl.

Jetzo stürzt sie bang zu Füßen
Ihrem Herrn im Schlafgemach,
Sie bekennt in Tränengüssen,
Flehend, was sie einst verbrach.

Schaudernd hörte er ihre Kunde;
Süßer sonst als Blumenduft,
Trifft der Hauch aus ihrem Munde
Jetzo ihn wie Grabesluft.

Erich schaut im Mondenlichte,
Leuchtend durch den Fensterspalt,
Ihr frisch blühend Angesichte,
Ihre bräutliche Gestalt.

»Unweib!« ruft er mit Entsetzen -
»Wäre deine Schönheit hin!
Mit den unterschlagnen Schätzen,
Gräßliche Betrügerin!

Eile fort aus meiner Kammer!
Eile fort aus meinem Haus!
Fahre hin in Not und Jammer!
Fluchend stoß ich dich hinaus!

Dir so wenig wird vergeben,
Wie aus dieser Diele je
Frische Rosen sich erheben!
Weh, verfluchtes Weib, dir, weh!«

V

Anna liegt im Wald verlassen,
Klagt den Bäumen nicht ihr Los;
Schweigend drückt sie nur die nassen
Augen in das weiche Moos.

Im Gebüsch der Winde Sausen
Weckt der Reue wilden Schrei,
Und des Baches Wellen brausen
An der Sünderin vorbei.

Anna darf um Trost nicht lauschen
Zur Natur im Trostgewand,
Zwischen ihnen flatternd rauschen
Hört sie das zerrißne Band.

Und die Menschen schaudernd kehren
Ab das Herz von Annas Not;
Ihre Buße nur zu nähren,
Reichen sie das Bettelbrot.

Sieben Jahre sind es heute,
Seit ihr Gatte sie verstieß,
Seit sie, Reu und Kummers Beute,
Klagend seine Burg verließ.

Heute sind es sieben Jahre,
Daß sein Fluch sie fortgeschnellt,
Daß sie mit gelöstem Haare
Büßend weinte durch die Welt.

Mutterleid, das wonnereiche,
Hat ihr Antlitz nie versehrt,
Aber bis zur Totenbleiche
Hat der Jammer es verheert.

Als sie aufblickt von der Erde,
Naht im Strahl des Abendlichts
Ihr ein Greis, mit Freundsgebärde,
Mitleidvollen Angesichts.

»Anna, hebe dich vom Grunde!
Komm, du hast genug geweint;
Des Erbarmens milde Stunde
Deinem Kummer auch erscheint.

Folge mir zur Waldkapelle! -
Spricht der alte Eremit,
Als des Abends letzte Helle
Von den Wipfeln sich verzieht.

Dunkel wird es, dunkler immer,
Kaum manchmal durch Baum und Strauch
Zweifelt eines Sternes Flimmer,
Stiller, kühler wird es auch.

Und sie wandeln und sie schweigen,
Finster wird es ganz und gar,
Auf des Walds gewundnen Steigen
Leuchtet ihr sein weißes Haar.

In des Waldes tiefsten Schauern
Kommen sie an die Kapell;
Grabesstill sind ihre Mauern,
Doch erleuchtet ist sie hell.

Zu der traurigsten der Frauen
Spricht der Alte: »Tritt herein!
Die du drinnen wirst erschauen,
Bitte, daß sie dir verzeihn!«

Anna zögernd und verzagend
In die Waldkapelle tritt,
Von den öden Wänden klagend
Hallt zurück ihr scheuer Schritt.

Niemand hier; doch lispelnd nennen
Ihren Namen hört sie klar;
Sieben Kerzen sieht sie brennen
Ohne Leuchter am Altar.

Hellen Schimmer auszuspenden,
Hängt die Lampe ohne Schnur;
Bilder haften an den Wänden,
Dämmernde Umrisse nur.

Und die Staffeln abgebrochen
Zum Altar; zerrißnes Tuch;
Keine Messe wird gesprochen
Aus dem unbeschriebnen Buch.

Sieben leichte Lichtgestalten
Jetzt an ihr vorüberziehn
Und mit stummem Händefalten
Vor dem Altar niederknien.

Anna sich mit zitternd leisen
Schritten den Gestalten naht:
»Meine ungebornen Waisen!
Ach, verzeiht ihr, was ich tat?

Grausam frevelnd ausgestoßen
Hab ich euer keimend Herz,
Von den Freuden ausgeschlossen,
Von dem trauten Erdenschmerz!«

Und sie nicken, ihr vergebend,
Lächelnd zugewandt, doch stumm;
Und der Alte, näher schwebend,
Schlingt die Arme ihr herum.

Anna sinkt zu Boden nieder,
Ihr entgleiten Schmerz und Not,
Und sie klagt und weint nicht wieder;
Der Einsiedel war der Tod.

Und zur Stund ein sanftes Tosen
Erich aus dem Schlafe weckt:
Ha! er sieht mit frischen Rosen
Seine Diele überdeckt.

Anna bleich und todeshager,
Grüßend ihm vorüberging,
Und sie legt ihm auf sein Lager
Leise seinen goldnen Ring.

Als sein totes Weib dem Ritter
Samt den Rosen wieder schwand
Nimmt er die bestaubte Zither
Endlich einmal von der Wand,

Und er singt ein Lied, das alte,
Aber nicht im alten Laut,
Wie es vor dem Fenster hallte
Anna einst, der schönen Braut.

»Hab ein Schloß und finstre Wälder,
Berge hab ich, reich an Erz,
Muntre Herden, goldne Felder,
Und nach dir ein krankes Herz!«

(nach einer schwedischen Sage)

nach oben



Beethovens Büste

Traurig kehrt ich eines Abends
In mein einsam düstres Zimmer,
Überraschend drin entgegen
Blinkte mir ein Freudenschimmer.

Mit dem sichern Blick der Liebe
Hatt ein Freund den Spalt getroffen,
Wo des Unmuts düstre Zelle
Blieb dem Strahl der Freude offen.

Ha! ich fand des Mannes Büste,
Den ich höchst als Meister ehre
Nebst dem schroffen Urgebirge
Und dem grenzenlosen Meere.

Ein Gewitter in den Alpen,
Stürme auf dem Ozeane
Und das große Herz Beethovens,
Laut im heiligen Orkane,

Sind die Wecker mir des Mutes,
Der das Schicksal wagt zu fodern,
Der den letzten Baum des Edens
Lächelnd sieht zu Asche lodern.

Kämpfen lern ich ohne Hassen,
Glühend lieben und entsagen,
Und des Todes Wonneschauer,
Wenn Beethovens Lieder klagen;

Wenn sie jubeln, Leben schmetternd,
Daß die tiefsten Gräber klüften
Und ein dionysisch Taumeln
Rauschet über allen Grüften.

Wenn sie zürnen, hör ich rasseln
Menschenwillens heilge Speere,
Und besiegt zum Abgrund, heulend,
Flüchten die Dämonenheere. -

Sanftes Wogen, holdes Rieseln;
Sind des Weltmeers kühle Wellen
Süß beseelt zu Liebesstimmen?
Wie sie steigen, sinken, schwellen!

Auf der glatten Muscheldiele
Halten Nixen ihre Reigen,
Keime künftger Nachtigallen
Träumen auf Korallenzweigen.

Horch! noch leiser! dem Naturgeist
Abgelauschte Lieder sind es,
Die er flüstert in das erste
Träumen eines schönen Kindes;

Die er spielt auf Mondstrahlsaiten,
Ob dem Abgrund ausgespannten,
Deren Rhythmen in der Erdnacht
Starren zu Kristallenkanten;

Und nach deren Zaubertakten
Rose läßt die Knospe springen,
Kranich aus des Herbstes Wehmut
Lüftet seine Wanderschwingen.-

Ach, Coriolan! vorüber
Ist das Ringen, wilde Pochen,
Plötzlich sinds die letzten Töne,
Dumpf verhallend und gebrochen.

Wie der Held im schönen Frevel
Überstürmte alle Schranken,
Dann - der tragisch Überwundne
Stehn geblieben in Gedanken.

Sinnend starrt er in den Boden,
Sein Verhängnis will Genüge;
Fallen muß er, stummes Leiden
Zuckt um seine edlen Züge. -

Horch! im Zwiespalt dieser Töne
Klingt der Zeiten Wetterscheide,
Jetzo rauschen sie Versöhnung
Nach der Menschheit Kampf und Leide.

In der Symphonien Rauschen,
Heiligen Gewittergüssen,
Seh ich Zeus auf Wolken nahn und
Christi blutge Stirne küssen;

Hört das Herz die große Liebe
Alles in die Arme schließen,
Mit der alten Welt die neue
In die ewige zerfließen.

nach oben



Himmelstrauer

Am Himmelsantlitz wandelt ein Gedanke,
Die düstre Wolke dort, so bang, so schwer;
Wie auf dem Lager sich der Seelenkranke,
Wirft sich der Strauch im Winde hin und her.

Vom Himmel tönt ein schwermutmattes Grollen,
Die dunkle Wimper blinzet manches Mal,
- So blinzen Augen, wenn sie weinen wollen, -
Und aus der Wimper zuckt ein schwacher Strahl.

Nun schleichen aus dem Moore kühle Schauer
Und leise Nebel übers Heideland;
Der Himmel ließ, nachsinnend seiner Trauer,
Die Sonne lässig fallen aus der Hand.

nach oben



Die Waldkapelle

Der dunkle Wald umrauscht den Wiesengrund,
Gar düster liegt der graue Berg dahinter;
Das dürre Laub, der Windhauch gibt es kund,
Geschritten kommt allmählich schon der Winter.

Die Sonne ging, umhüllt von Wolken dicht,
Unfreundlich, ohne Scheideblick von hinnen,
Und die Natur verstummt, im Dämmerlicht
Schwermütig ihrem Tode nachzusinnen.

Dort, wo die Eiche rauscht am Bergesfuß,
Wo bang vorüberklagt des Baches Welle,
Dort winket, wie aus alter Zeit ein Gruß,
Die längst verlaßne, stille Waldkapelle.

Wo sind sie, deren Lied aus deinem Schoß,
O Kirchlein, einst zu Gott emporgeflogen,
Vergessend all ihr trübes Erdenlos? -
Wo sind sie? - ihrem Liede nachgezogen!

II

Horch! plötzlich stört ein Ruf die Einsamkeit:
Klangs nicht aus der Kapelle öden Mauern?
Wer ist es, der so wunderlich dort schreit,
Daß michs unheimlich faßt mit kaltem Schauern?!

»Herr Gott! wir loben dich - ha, ha, ha, ha!«
Nun schweigt er still, der grause Gottverächter,
Und donnernd ruft er nun: »Allelujah!«
Und überdonnernd folgt sein Hohngelächter.

Da stürzt er mir vorbei, voll scheuer Hast,
Das wirre Haar von bleicher Wange streifend,
Die Augen wild bewegt und ohne Rast,
Irrlichter, in der Nacht des Wahnsinns schweifend.

Er eilt waldein, von seinem Tritte rauscht
Das dürre Laub im dunkeln Eichenhaine;
Wie sinnend bleibt er plötzlich stehn und lauscht,
Und leise hör ichs nun, als ob er weine.

Mitleidig rauscht ihr ihm - o rauschst nur! -
Den Trost: -Vergänglichkeit!- ihr welken Blätter!
O locket seine Seele auf die Spur
Des milden Todes, nennt ihm seinen Retter! -

Zur sanften Wehmut lichtet sich das Tal,
Dort kommt der Mond zum stillen Abschiedsfeste;
Es will sein Silberschimmer noch einmal
Sich schmiegen an des Sommers karge Reste.

Wie schwach ist schon der Eiche fahles Laub!
Den leichten Mondstrahl kann es nicht mehr tragen,
Es bricht und zittert unter ihm in Staub
Und läßt die kahlen Äste traurig ragen. -

Da steht der Irre, bleich und stumm, den Blick,
Das bittre Lächeln auf den Mond gerichtet;
Es prallt das Mondlicht scheu von ihm zurück,
Und scheu der Wind an ihm vorüberflüchtet.

Starrt so des Wahnsinns Auge wild hinauf
Zum stillen, klaren, ewiggleichen Frieden,
Mit dem die Sterne wandeln ihren Lauf:
Ein Anblick ists der traurigsten hienieden. -

Was hat, o Schicksal, dieser Mensch getan,
Daß mit des Wahnsinns bangen Finsternissen
Du ihm verschüttet hast die Lebensbahn,
Aus seiner Seele seinen Gott gerissen?

III

Er hat geliebt! - Vor langer, trüber Zeit,
Da ging er einst, ein fröhlicher Geselle,
Mit seinem Lieb durch diese Einsamkeit
Und kam mit ihr zur stillen Waldkapelle.

Sie traten ein, sie knieten hin; da glomm
Durchs Fenster hell herein die Abendröte;
Er betete mit ihr so selig fromm,
Und draußen sang des Hirten weiche Flöte.

Da hob die Hand sie schnell und feierlich
Und sprach, so schiens, mit tiefbewegter Stimme:
»Lieb ich nicht warm und treu und ewig dich,
So strafe mich der Herr mit seinem Grimme!«

Und heller glomm der helle Abendstrahl,
So wie sein Herz, sich ewig ihr zu weihen;
Und draußen klang im stillen Waldestal
Des Hirten Lied wie Himmelsmelodeien. -

Wie bald, wie bald, daß ihn ihr Herz vergißt!
Daß ihr ein andrer schon des falschen Eides
Das letzte Wort von falscher Lippe küßt,
Sie mit dem Glanze schmückt des Brautgeschmeides.

Und all ihr Leben, Freudentaumel nur,
Den noch kein flüchtig Leid ihr jemals störte,
Zieht unverfolgt von ihrem falschen Schwur
Und frech am Gott vorüber, der ihn hörte. -

Das wars, o Schicksal, was der Mensch getan,
Daß mit des Wahnsinns bangen Finsternissen
Du ihm verschüttet hast die Lebensbahn.
Aus seiner Seele seinen Gott gerissen!

Drum flucht er nun empor mit wildem Spott,
Gequält von seinem Schmerz, an jener Stelle,
Wo er so selig einst gekniet vor Gott,
Drum irrt er, wie gebannt, um die Kapelle.

nach oben