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Auslese |
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Conrad Ferdinand Meyer |
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geb. am 11.10 1825 in Zürich gest. am 28.11. 1898 in Kilchberg
1843 lernte er die französische und italienische Sprache und begann zugleich mit autodidaktischen historischen und lite- raturwissenschaftlichen Studien, die zweifelsohne einen großen Einfluß auf seine großartige und facettenreiche Dichtkunst nahmen. |
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ausgewählte Werke |
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Der Lieblingsbaum |
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Den ich pflanzte, junger Baum, Dessen Wuchs mich freute, Zähl ich deine Lenze, kaum Sind es zwanzig heute.
Oft im Geist ergötzt es mich, Über mir im Blauen, Schlankes Astgebilde, sich mächtig auszubauen.
Lichtdurchwirkten Schatten nur Legst du auf die Matten, Eh du dunkel deckst die Flur, Bin ich selbst ein Schatten.
Aber haschen soll mich nicht Stygisches Gesinde, Weichen werd ich aus dem Licht Unter deine Rinde.
Frische Säfte rieseln laut, Rieseln durch die Stille. Um mich, in mein webt und baut Ew'ger Lebenswille.
Halb bewußt und halb im Traum Über mir im Lichten Werd ich, mein geliebter Baum, Dich zu Ende dichten. |
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Der Tagelöhner |
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Lange Jahre sah ich dich Führen deinen Spaten, Und ein jeder Schaufelstich Ist dir wohlgeraten
Nie hat dir des Lebens Flucht Bang gemacht, ich glaube - Sorgtest für die fremde Frucht, Für die fremde Traube.
Nie gelodert hat die Glut Dir in eignem Herde, Doch du fußtest fest und gut Auf der Mutter Erde.
Nun hast du das Land erreicht, Das du fleißig grubest, Laste dir die Scholle leicht, Die du täglich hubest! |
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Mein Stern |
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Oft in meinem Abendwandel hefte Ich auf einen schönen Stern den Blick, Zwar sein Zeichen hat besondre Kräfte, Doch bestimmt und zwingt er kein Geschick.
Nicht geheime Winke will er geben, Er ist wahr und rein und ohne Trug, Er beseliget und stärkt das Leben Mit der tiefsten Sehnsucht stillem Zug.
Nicht versteht er Gottes dunkeln Willen, Noch der Dinge letzten ew'gen Grund, Wunden heilt er, Schmerzen kann er stillen Wie das Wort aus eines Freundes Mund.
In die Bangnis, die Bedrängnis funkelt Er mit seinem hellsten Strahle gern, Und je mehr die Erde mählich dunkelt, Desto näher, stärker brennt mein Stern.
Holder, einen Namen wirst du tragen, Aber diesen wissen will ich nicht, Keinen Weisen werd ich darum fragen, Du mein tröstliches, mein treues Licht! |
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Novembersonne |
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In den ächzenden Gewinden Hat die Kelter sich gedreht, Unter meinen alten Linden Liegt das Laub hoch aufgeweht.
Dieser Erde Werke rasten, Schon beginnt die Winterruh - Sonne, noch mit unverblaßten, Goldnen Strahlen wanderst du!
Ehe sich das Jahr entlaubte, Gingen, traun, sie müßig nie. Nun an deinem lichten Haupte Flammen unbeschäftigt sie.
Erst ein Ackerknecht, ein Schnitter, Und ein Traubenkoch zuletzt, Bist du nun der freie Ritter, Der sich auf der Fahrt ergetzt.
Und die Schüler, zu den Bänken Kehrend, grüßen jubelvoll, Hingelagert vor den Schenken, Dich als Musengott Apoll. |
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Schwüle |
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Trüb verglomm der schwüle Sommertag, Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag Sterne, Sterne - Abend ist es ja - Sterne, warum seid ihr noch nicht da?
Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang! Schilf, was flüsterst du so frech und bang? Fern der Himmel und die Tiefe nah- Sterne, warum seid ihr noch nicht da?
Eine liebe, liebe Stimme ruft Mich beständig aus der Wassergruft Weg, Gespenst, das oft ich winken sah! Sterne, Sterne, seid ihr nicht mehr da?
Endlich, endlich durch das Dunkel bricht - Es war Zeit! - ein schwaches Flimmerlicht - Denn ich wußte nicht, wie mir geschah. Sterne, Sterne, bleibt mir immer nah! |
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Allerbarmen |
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An dem Bauerhaus vorüber Schritt ich eilig, weil mir grauste, Weil im dumpfen Hof ein trüber, Brütender Kretine hauste.
Schaudernd warf ich einen halben Blick in seinen feuchten Kerker Eben war die Zeit der Schwalben, Wo sie baun an Dach und Erker.
Den Enterbten sah ich kauern, Über seiner Lagerstätte Blitzten Schwalben um die Mauern, Nester bauend in die Wette.
Der erloschne Blick erfreute Sich, in einem kleinen blauen Raum das Werk der Schwalben heute. Dieses kluge Werk zu schauen.
Blitzend kreiste das Geschwirre An dem engen Horizonte, Und das Lachen klang, das irre, Drin sich doch der Himmel sonnte. |
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Das heilige Feuer |
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Auf das Feuer mit dem goldnen Strahle Heftet sich in tiefer Mitternacht Schlummerlos das Auge der Vestale, Die der Göttin ewig Licht bewacht.
Wenn sie schlummerte, wenn sie entschliefe, Wenn erstürbe die versäumte Glut, Eingesargt in Glut, und Grabestiefe Würde sie, wo Staub und Moder ruht.
Eine Flamme zittert mir im Busen, Lodert warm zu jeder Zeit und Frist, Die, entzündet durch den Hauch der Musen, Ihnen ein beständig Opfer ist.
Und ich hüte sie mit heilger Scheue, Daß sie brenne rein und ungekränkt; Denn ich weiß, es wird der ungetreue Wächter lebend in die Gruft versenkt. |
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Gestürzt sind die goldnen Brücken |
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Gestürzt sind die goldnen Brücken Und unten und oben so still! Es will mir nichts mehr glücken, Ich weiß nicht mehr, was ich will.
Von üppig blühenden Schmerzen Rauscht eine Wildnis im Grund, Da spielt wie in wahnsinnigen Scherzen Das Herz an dem schwindligen Schlund. –
Die Felsen möchte ich packen Vor Zorn und Wehe und Lust, Und unter den brechenden Zacken Begraben die wilde Brust.
Da kommt der Frühling gegangen, Wie ein Spielmann aus alter Zeit, Und singt von uraltem Verlangen So treu durch die Einsamkeit.
Und über mir Lerchenlieder Und unter mir Blumen bunt, So werf ich im Grase mich nieder Und weine aus Herzensgrund.
Da fühl ich ein tiefes Entzücken, Nun weiß ich wohl, was ich will, Es bauen sich andere Brücken, Das Herz wird auf einmal still.
Der Abend streut rosige Flocken, Verhüllet die Erde nun ganz, Und durch des Schlummernden Locken Ziehn Sterne den heiligen Kranz. |
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Der Marmorknabe |
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In der Capuletti Vigna graben Gärtner, finden einen Marmorknaben, Meister Simon holen sie herbei, Der entscheide, welcher Gott es sei.
Wie den Fund man dem Gelehrten zeigte, Der die graue Wimper forschend neigte, Kniet, ein Kind daneben: Julia, Die den Marmorknaben finden sah.
"Welches ist dein süßer Name, Knabe? Steig ans Tageslicht aus deinem Grabe! Eine Fackel trägst du? Bist beschwingt? Amor bist du, der die Herzen zwingt?"
Meister Simon, streng das Bild betrachtend, Eines Kindes Worte nicht beachtend, Spricht: "Er löscht die Fackel. Sie verloht. Dieser schöne Jüngling ist der Tod." |
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