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Auslese |
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Rainer Maria Rilke |
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geb. am 4.12.1875 in Prag gest. am 29.12.1926 Val-Mont bei Montreux
Der sprachliche Klang seines Werkes verhalf der teils doch etwas behäbigen deutschen Sprache zu einer geradezu südländischen Leichtigkeit; Rilke ist zweifelsohne einer unserer größten Dichter! |
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ausgewählte Werke |
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Die Könige der Welt sind alt |
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Die Könige der Welt sind alt und werden keine Erben haben. Die Söhne sterben schon als Knaben, und ihre bleichen Töchter gaben die kranken Kronen der Gewalt.
Der Pöbel bricht sie klein zu Geld, der zeitgemäße Herr der Welt dehnt sie im Feuer zu Maschinen, die seinem Wollen grollend dienen; aber das Glück ist nicht mit ihnen.
Das Erz hat Heimweh. Und verlassen will es die Münzen und die Räder, die es ein kleines Leben lehren. Und aus Fabriken und aus Kassen wird es zurück in das Geäder der aufgetanen Berge kehren, die sich verschließen hinter ihm. |
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Ernste Stunde |
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Wer jetzt weint irgendwo in der Welt, ohne Grund weint in der Welt, weint über mich.
Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht, ohne Grund lacht in der Nacht, lacht mich aus.
Wer jetzt geht irgendwo in der Welt, ohne Grund geht in der Welt, geht zu mir.
Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt, ohne Grund stirbt in der Welt: sieht mich an. |
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Schlußstück |
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Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns. |
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Das Einhorn |
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Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte: denn lautlos nahte sich das Niegeglaubte, das weiße Tier, das wie eine geraubte hülflose Hindin mit den Augen fleht.
Der Beine elfenbeinernes Gestell bewegte sich in leichten Gleichgewichten, ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell, und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten, stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell, und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.
Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum war leicht gerafft, so dass ein wenig Weiß (weißer als alles) von den Zähnen glänzte; die Nüstern nahmen auf und lechzten leis. Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte, warfen sich Bilder in den Raum und schlossen einen blauen Sagenkreis. |
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Der Engel |
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Mit einem Neigen seiner Stirne weist er weit von sich was einschränkt und verpflichtet; denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet das ewig Kommende das kreist.
Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten, und jede kann ihm rufen: komm, erkenn - . Gieb seinen leichten Händen nichts zu halten aus deinem Lastenden. Sie kämen denn
bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen, und gingen wie Erzürnte durch das Haus und griffen dich als ob sie dich erschüfen und brächen dich aus deiner Form heraus. |
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Der Panther |
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Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille - und hört im Herzen auf zu sein. |
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Wie meine Träume nach dir schrein |
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Wie meine Träume nach dir schrein. Wir sind uns mühsam fremd geworden, jetzt will es mir die Seele morden, dies arme, bange Einsamsein.
Kein Hoffen, das die Segel bauscht. Nur diese weite, weiße Stille, in die mein tatenloser Wille in atemlosem Bangen lauscht. |
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Wunderweiße Nächte |
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Es gibt so wunderweiße Nächte, Drin alle Dinge Silber sind. Da schimmert mancher Stern so lind, Als ob er fromme Hirten brächte Zu einem neuen Jesuskind.
Weit wie mit dichtem Diamantenstaube Bestreut, erscheinen Flur und Flut, Und in die Herzen, traumsgemut, Steigt ein kapellenloser Glaube, Der leise seine Wunder tut. |
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Der Ölbaumgarten |
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Er ging hinauf unter dem grauen Laub ganz grau und aufgelöst im Ölgelände und legte seine Stirne voller Staub tief in das Staubigsein der heißen Hände.
Nach allem dies. Und dieses war der Schluß. Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde, und warum willst Du, daß ich sagen muß, Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.
Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein. Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein. Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.
Ich bin allein mit aller Menschen Gram, den ich durch Dich zu lindern unternahm, der Du nicht bist. O namenlose Scham... Später erzählte man, ein Engel kam-.
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht und blätterte gleichgültig in den Bäumen. Die Jünger rührten sich in ihren Träumen. Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.
Die Nacht, die kam, war keine ungemeine; so gehen hunderte vorbei. Da schlafen Hunde, und da liegen Steine. Ach eine traurige, ach irgendeine, die wartet, bis es wieder Morgen sei.
Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern, und Nächte werden nicht um solche groß. Die Sich-Verlierenden läßt alles los, und die sind preisgegeben von den Vätern und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß. |
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ausgewählte Werke II |
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Archaischer Torso Apollos |
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Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt, darin die Augenäpfel reiften. Aber sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug der Brust dich blenden, und im leisen Drehen der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu jener Mitte, die die Zeugung trug.
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz unter der Schultern durchsichtigem Sturz und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;
und bräche nicht aus allen seinen Rändern aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern. |
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Die Irren |
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Und sie schweigen, weil die Scheidewände weggenommen sind aus ihrem Sinn, und die Stunden, da man sie verstände, heben an und gehen hin.
Nächtens oft, wenn sie ans Fenster treten: plötzlich ist es alles gut. Ihre Hände liegen im Konkreten, und das Herz ist hoch und könnte beten, und die Augen schauen ausgeruht
auf den unverhofften, oftentstellten Garten im beruhigten Geviert, der im Widerschein der fremden Welten weiterwächst und niemals sich verliert. |
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Einsamkeit |
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Einsamkeit ist wie ein Regen. Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen; von Ebenen, die fern sind und entlegen, geht sie zum Himmel, der sie immer hat. Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.
Regnet hernieder in den Zwitterstunden, wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen und wenn die Leiber, welche nichts gefunden, enttäuscht und traurig von einander lassen; und wenn die Menschen, die einander hassen, in einem Bett zusammen schlafen müssen:
dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen... |
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