Anthologie I (Gedichte)

Weisheit & Besinnung I

Schließ Aug und Ohr für eine Weil

Was ließen jene die vor uns schon waren

Ein anderes!

Ich bin der Welt abhanden gekommen

Wer wußte je das Leben recht zu fassen

Selige Sehnsucht

Gebet

Das trunkene Lied

Oktoberlied

(Weisheit & Besinnung II)




Schließ Aug und Ohr für eine Weil

Schließ Aug und Ohr für eine Weil
Vor dem Getös der Zeit,
Du heilst es nicht und hast kein Heil
Als wo dein Herz sich weiht.

Dein Amt ist hüten, harren, sehn
Im Tag die Ewigkeit.
Du bist schon so im Weltgeschehn
Befangen und befreit.

Die Stunde kommt da man dich braucht.
Dann sei du ganz bereit
Und in das Feuer, das verraucht,
Wirf dich als letztes Scheit.

Friedrich Gundolf


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Was ließen jene die vor uns schon waren

Was ließen jene, die vor uns schon waren,
Die alle Länder und Straßen befahren,
Die alle Lieder und Abenteuer raubten,
Was ließen jene zurück für unsre Schar?

Atem der Meere, Gezeiten des Blutes,
Träume von Taten, Verlocken des Mutes,
Lieder der Sehnsucht und Rundgang um die Flammen,
Erbteil an Bildern, bestäubt von sprödem Glanz.

Unter den Hufen der jagenden Stunden,
Unter des Himmels entheiligten Runden,
Unter den Worten, an die wir nicht mehr glaubten,
Wagen wir unser Gesetz und unser Glück.

Heben die Stimmen und heben die Hände,
Stehen zerstreut auf verbranntem Gelände,
Fügen die Steine der dürren Zeit zusammen,
Binden vertrauend dem Gott den frischen Kranz.

Olka

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Ein anderes!

Geh! gehorche meinen Winken,
Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein:
Auf des Glückes großer Wage
Steht die Zunge selten ein;
Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein.

Johann Wolfgang von Goethe

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Ich bin der Welt abhanden gekommen

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben,
Sie hat so lange nichts von mir vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält,
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgetümmel,
Und ruh' in einem stillen Gebiet!
Ich leb' allein in meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied!

Friedrich Rückert

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Wer wußte je das Leben recht zu fassen

Wer wußte je das Leben recht zu fassen,
wer hat die Hälfte nicht davon verloren
Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren,
In Liebesqual, im leeren Zeit verprassen?

Ja, der sogar, der ruhig und gelassen,
Mit dem Bewußtsein, was er soll, geboren,
Frühzeitig einen Lebensgang erkoren,
Muß vor des Lebens Widerspruch erblassen.

Denn jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache,
Allein das Glück, wenns wirklich kommt, ertragen,
Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.

Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen:
Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache,
Und auch der Läufer wird es nicht erjagen.

August von Platen

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Selige Sehnsucht

Sag es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet:
Das Lebendge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Johann Wolfgang von Goethe

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Gebet

Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Eduard Mörike

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Das trunkene Lied

O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Ich schlief, ich schlief -,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht:
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

Friedrich Nietzsche

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Oktoberlied

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz -
Stoß an und laß es klingen!
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!

Theodor Storm

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Weisheit & Besinnung II

Komm in den totgesagten park

Gebet

Noch einmal dem Nichts entstiegen

Menschen bei Nacht

Erscheinung

Wer nie sein Brot mit Tränen aß

Rosen pflücke, Rosen blühn

Am Ufer

Weiße Nacht

(Weisheit & Besinnung III)




Komm in den totgesagten park

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.
Dort nimm das tiefe gelb - das weiche grau
Von birken und von buchs - der wind ist lau
Die späten rosen welkten noch nicht ganz
Erlese küsse sie und flicht den kranz
Vergiss auch diese letzten astern nicht
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Stefan George


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Gebet

Herr, laß mich hungern dann und wann,
Sattsein macht stumpf und träge,
und schick mir Feinde, Mann um Mann,
Kampf hält die Kräfte rege.

Gib leichten Fuß zu Spiel und Tanz,
Flugkraft in goldne Ferne,
und häng den Kranz, den vollen Kranz,
mir höher in die Sterne.

Gustav Falke

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Noch einmal dem Nichts entstiegen

Noch einmal dem Nichts entstiegen,
Noch einmal aus Flammen neu,
Seh ich dich im Morgen liegen,
Schöne Welt, dem Treuen treu.
Komm, begegne meinem Hoffen,
Gib an Lust und Schmerz mein Teil,
Gläubig steht mein Busen offen
Deinem Blitz und Todespfeil.

Ricarda Huch

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Menschen bei Nacht

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so musst du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.

Rainer Maria Rilke

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Erscheinung

Die zwölfte Stunde war beim Klang der Becher
Und wüstem Treiben schon herangewacht,
Als ich hinaus mich stahl, ein müder Zecher.
Und um mich lag die kalte, finstre Nacht;
Ich hörte durch die Stille widerhallen
Den eignen Tritt und fernen Ruf der Wacht.
Wie aus den klangreich festerhellten Hallen
In Einsamkeit sich meine Schritte wandten,
Ward ich von seltsam trübem Mut befallen.
Und meinem Hause nah, dem wohlbekannten,
Gewahrt' ich, und ich stand versteinert fast,
Daß hinter meinen Fenstern Lichter brannten.
Ich prüfte zweifelnd eine lange Rast
Und fragte: macht es nur in mir der Wein?
Wie käm' zu dieser Stunde mir ein Gast?
Ich trat hinzu und konnte bei dem Schein
Im wohlverschloßnen Schloß den Schlüssel drehen
Und öffnete die Tür und trat hinein.
Und wie die Blicke nach dem Lichte spähen,
Da ward mir ein Gesicht gar schreckenreich -
Ich sah mich selbst an meinem Pulte stehen.
Ich rief: "Wer bist du, Spuk?" - er rief zugleich:
"Wer stört mich auf in später Geisterstunde?"
Und sah mich an und ward, wie ich, auch bleich.
Und unermeßlich wollte die Sekunde
Sich dehnen, da wir starrend wechselseitig
Uns ansahn, sprachberaubt mit offnem Munde.
Und aus beklommner Brust zuerst befreit' ich
Das schnelle Wort: "Du grause Truggestalt,
Entweiche, mache mir den Platz nicht streitig!"
Und er, als einer, über den Gewalt
Die Furcht nur hat, erzwingend sich ein leises
Und scheues Lächeln, sprach erwidernd: "Halt!
Ich bin's, du willst es sein; - um dieses Kreises,
Des wahnsinn-drohnden, Quadratur zu finden:
Bist du der rechte, wie du sagst, beweis' es;
Ins Wesenlose will ich dann verschwinden.
Du Spuk, wie du mich nennst, gehst du das ein,
Und willst auch du zu gleichem dich verbinden?"
Drauf ich entrüstet: "Ja, so soll es sein!
Es soll mein echtes Ich sich offenbaren,
Zu Nichts zerfließen dessen leerer Schein!"
Und er: "So laß uns, wer du seist, erfahren!"
Und ich: "Ein solcher bin ich, der getrachtet
Nur einzig nach dem Schönen, Guten, Wahren;
Der Opfer nie dem Götzendienst geschlachtet
Und nie gefrönt dem weltlich eitlen Brauch,
Verkannt, verhöhnt, der Schmerzen nie geachtet;
Der irrend zwar und träumend oft den Rauch
Für Flamme hielt, doch mutig beim Erwachen
Das Rechte nur verfocht: - bist du das auch?"
Und er, mit wildem, kreischend lautem Lachen:
"Der du dich rühmst zu sein, der bin ich nicht.
Gar anders ist's bestellt um meine Sachen.
Ich bin ein feiger, lügenhafter Wicht,
Ein Heuchler mir und andern, tief im Herzen
Nur Eigennutz und Trug im Angesicht.
Verkannter Edler du mit deinen Schmerzen,
Wer kennt sich nun? Wer gab das rechte Zeichen?
Wer soll, ich oder du, sein Selbst verscherzen?
Tritt her, so du es wagst, ich will dir weichen!"
Drauf mit Entsetzen ich zu jenem Graus:
"Du bist es, bleib und laß hinweg mich schleichen!" -
Und schlich, zu weinen, in die Nacht hinaus.

Adelbert von Chamisso

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Wer nie sein Brot mit Tränen aß

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein,
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

Johann Wolfgang Goethe

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Rosen pflücke, Rosen blühn

Rosen pflücke, Rosen blühn,
Morgen ist nicht heut!
Keine Stunde laß entfliehn,
Flüchtig ist die Zeit!

Trinke, küsse! Sieh, es ist
Heut Gelegenheit!
Weißt du, wo du morgen bist?
Flüchtig ist die Zeit!

Aufschub einer guten Tat
Hat schon oft gereut!
Hurtig leben ist mein Rat.
Flüchtig ist die Zeit!

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

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Am Ufer

Die Welt verstummt, dein Blut erklingt;
in seinen hellen Abgrund sinkt
der ferne Tag,

er schaudert nicht; die Glut umschlingt
das höchste Land, im Meere ringt
die ferne Nacht,

sie zaudert nicht; der Flut entspringt
ein Sternchen, deine Seele trinkt
das ewige Licht.

Richard Dehmel

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Weiße Nacht

Taucht aus Nebelhauch und -Schimmer
Turm und Zinne silbermatt,
Schwebt des Äthers leiser Schwimmer
Lichtstark über Strom und Stadt.

Dunkler Wipfel tief Gehänge
Schattet um Bastei und Wall,
Durch der Blätter dicht Gedränge
Blinkt die Welle wie Metall.

Ist ein wunderstilles Fließen
In die weite, weiße Nacht –
Lichte Himmelsblumen sprießen,
Meine Seele schaut und wacht.

Karl Henckell

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Weisheit & Besinnung III

Heimliches Licht

Sternenbitte

Wotanseiche

Enzianblüte

Mein Stern

Und wer franzet oder britet

Regen in der Dämmerung

Frühherbst

O trübe diese Tage nicht




Heimliches Licht

Wie wir suchen, wo wir wandern
Den geheimnisvollen Gang,
Stets vom einen zu dem andern
Schwebt es leise den Weg entlang.

Zu dem Müden schwebt es und gleitet
Von dem Starken her und hin,
Bis sein Haupt er hebt und schreitet
Wieder fort mit kühnem Sinn.

Will der Mutige verzagen,
Kommt vom andern schon das Licht,
Fern versinken graue Klagen,
Silbern steigt die Zuversicht...

Lichtlein, das herüberzittert,
Flämmchen, das hinübereilt,
Brennst zunichte, was verbittert,
Fachest an, was stärkt und heilt.

Auf der Liebe Zaubergleisen
Spielt das Leben hin und her –
Flamme, bleib uns hold: wir reisen
Heil hindurch zum ewigen Meer.

Karl Henckell


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Sternenbitte

Wenn dich des Schicksals scharfer Wind mir raubte,
Bevor mein eignes Los sich hier erfüllt,
Du Liebe, Gute, die an mich noch glaubte,
Als Nacht und Schatten meinen Pfad umhüllt . . .

Wenn mich dein süßes Licht verlassen müßte,
Das mich begleitet im Verborgnen treu
Bis an der Weltverzweiflung öde Küste
Und losch nicht aus in irrgewordner Scheu . . .

Noch halt ich dich in heiliger Sternenstunde,
An meinem Herzen schlägt dein Herz so heiß –
Ihr Sternengeister, seid mit mir im Bunde
Und segnet sie, die mich zu segnen weiß!

Karl Henckell

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Wotanseiche

Im heiligen Hain
Weitwurzelnder Eichen,
Wie markige Recken
Uralter Mären
Bannschützend geschart,
Ragt bodenfürstlich,
Ehrfurchtgebietend,
Der auserwählte
Waldesriese,
Wotan geweiht.

Die Sonne spielt
Mit seiner Krone,
Hoch in des Himmels
Heiterer Bläue
Badet sein Haupt –
Doch drunten hütet
Er seines Schattens
Geheimnisschweres
Dunkles Schweigen,
Schicksalumraunt.

Der Donnerwettern
Blitzschwangrer Wolken,
Wildem Rasen
Stöhnender Stürme
Krachend standhielt –
Der schnödem Axthieb
Hainfremder,
Erdehassender
Jenseitsbettler
Hohnvoll getrotzt!

Dem, grauer Held,
Allvater Kraft gab –
Dir würd' auf weiter
Walstatt des Lebens
Gern ich gleich.
Daß mir zu Wipfel
Die Vögel wandern
Neuer Jugend,
Sonnenzwitschernd,
Urtraumvertraut.

Karl Henckell

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Enzianblüte

Du stehst von Sonnenfreude trunken
Im seligen Licht und atmest kaum,
Der Himmel scheint in deinen Kelch versunken,
Die Lüfte wehn in deinem Flaum.

Und wenn sie alle Schuld und Pein
Von meiner Seele könnten wehen,
So dürft' ich wohl dein Bruder sein
Und stille Tage bei dir stehen.

So wäre meinen Weltenfahrten
Ein selig leichtes Ziel ersehn,
Gleich dir durch Gottes Träumegarten
Als blauer Sommertraum zu gehn.

Hermann Hesse

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Mein Stern

Oft in meinem Abendwandel hefte
Ich auf einen schönen Stern den Blick.
Zwar sein Zeichen hat besondre Kräfte,
Doch bestimmt und zwingt er kein Geschick.

Nicht geheime Winke will er geben,
Er ist wahr und rein und ohne Trug,
Er beseliget und stärkt das Leben
Mit der tiefsten Sehnsucht stillem Zug.

Nicht versteht er Gottes dunkeln Willen
Noch der Dinge letzten ew'gen Grund,
Wunden heilt er, Schmerzen kann er stillen,
Wie das Wort aus eines Freundes Mund.

In die Bangnis, die Bedrängnis funkelt
Er mit seinem hellsten Strahle gern,
Und je mehr die Erde mählich dunkelt,
Desto näher, stärker brennt mein Stern.

Holder, einen Namen wirst du tragen,
Aber diesen wissen will ich nicht,
Keinen Weisen werd' ich darum fragen,
Du mein tröstliches, mein treues Licht!

Conrad Ferdinand Meyer

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Und wer franzet oder britet

Und wer franzet oder britet,
Italienert oder teutschet,
Einer will nur wie der andre,
Was die Eigenliebe heischet.

Denn es ist kein Anerkennen,
Weder vieler, noch des einen,
Wenn es nicht am Tage fördert
Wo man selbst was möchte scheinen.

Morgen habe denn das Rechte
Seine Freunde wohlgesinnet,
Wenn nur heute noch das Schlechte
Vollen Platz und Gunst gewinnet.

Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib' im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

Johann Wolfgang von Goethe

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Regen in der Dämmerung

Der wandernde Wind auf den Wegen
War angefüllt mit süßem Laut,
Der dämmernde rieselnde Regen
War mit Verlangen feucht betaut.

Das rinnende rauschende Wasser
Berauschte verwirrend die Stimmen
Der Träume, die blasser und blasser
Im schwebenden Nebel verschwimmen.

Der Wind in den wehenden Weiden,
Am Wasser der wandernde Wind
Berauschte die sehnenden Leiden,
Die in der Dämmerung sind.

Der Weg im dämmernden Wehen,
Er führte zu keinem Ziel,
Doch war er gut zu gehen
Im Regen, der rieselnd fiel.

Hugo von Hofmannsthal

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Frühherbst

Die Stirn bekränzt mit roten Berberitzen
steht nun der Herbst am Stoppelfeld,
in klarer Luft die weißen Fäden blitzen,
in Gold und Purpur glüht die Welt.

Ich seh hinaus und hör den Herbstwind sausen,
vor meinem Fenster nickt der wilde Wein,
von fernen Ostseewellen kommt ein Brausen
und singt die letzten Rosen ein.

Ein reifer roter Apfel fällt zur Erde,
ein später Falter sich darüber wiegt -
ich fühle, wie ich still und ruhig werde,
und dieses Jahres Gram verfliegt.

Agnes Miegel

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O trübe diese Tage nicht

O trübe diese Tage nicht,
Sie sind der letzte Sonnenschein,
Wie lange, und es lischt das Licht
Und unser Winter bricht herein.

Dies ist die Zeit, wo jeder Tag
Viel Tage gilt in seinem Wert,
Weil man's nicht mehr erhoffen mag,
Daß so die Stunde wiederkehrt.

Die Flut des Lebens ist dahin,
Es ebbt in seinem Stolz und Reiz,
Und sieh, es schleicht in unsern Sinn
Ein banger, nie gekannter Geiz;

Ein süßer Geiz, der Stunden zählt
Und jede prüft auf ihren Glanz,
O sorge, daß uns keine fehlt
Und gönn' uns jede Stunde ganz.

Theodor Fontane

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