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Anthologie I (Gedichte) |
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Weisheit & Besinnung I |
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Schließ Aug und Ohr für eine Weil |
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Schließ Aug und Ohr für eine Weil Vor dem Getös der Zeit, Du heilst es nicht und hast kein Heil Als wo dein Herz sich weiht.
Dein Amt ist hüten, harren, sehn Im Tag die Ewigkeit. Du bist schon so im Weltgeschehn Befangen und befreit.
Die Stunde kommt da man dich braucht. Dann sei du ganz bereit Und in das Feuer, das verraucht, Wirf dich als letztes Scheit.
Friedrich Gundolf |
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Was ließen jene die vor uns schon waren |
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Was ließen jene, die vor uns schon waren, Die alle Länder und Straßen befahren, Die alle Lieder und Abenteuer raubten, Was ließen jene zurück für unsre Schar?
Atem der Meere, Gezeiten des Blutes, Träume von Taten, Verlocken des Mutes, Lieder der Sehnsucht und Rundgang um die Flammen, Erbteil an Bildern, bestäubt von sprödem Glanz.
Unter den Hufen der jagenden Stunden, Unter des Himmels entheiligten Runden, Unter den Worten, an die wir nicht mehr glaubten, Wagen wir unser Gesetz und unser Glück.
Heben die Stimmen und heben die Hände, Stehen zerstreut auf verbranntem Gelände, Fügen die Steine der dürren Zeit zusammen, Binden vertrauend dem Gott den frischen Kranz.
Olka |
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Ein anderes! |
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Geh! gehorche meinen Winken, Nutze deine jungen Tage, Lerne zeitig klüger sein: Auf des Glückes großer Wage Steht die Zunge selten ein; Du mußt steigen oder sinken, Du mußt herrschen und gewinnen, Oder dienen und verlieren, Leiden oder triumphieren, Amboß oder Hammer sein.
Johann Wolfgang von Goethe |
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Ich bin der Welt abhanden gekommen |
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Ich bin der Welt abhanden gekommen, Mit der ich sonst viele Zeit verdorben, Sie hat so lange nichts von mir vernommen, Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben!
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen, Ob sie mich für gestorben hält, Ich kann auch gar nichts sagen dagegen, Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgetümmel, Und ruh' in einem stillen Gebiet! Ich leb' allein in meinem Himmel, In meinem Lieben, in meinem Lied!
Friedrich Rückert |
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Wer wußte je das Leben recht zu fassen |
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Wer wußte je das Leben recht zu fassen, wer hat die Hälfte nicht davon verloren Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren, In Liebesqual, im leeren Zeit verprassen?
Ja, der sogar, der ruhig und gelassen, Mit dem Bewußtsein, was er soll, geboren, Frühzeitig einen Lebensgang erkoren, Muß vor des Lebens Widerspruch erblassen.
Denn jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache, Allein das Glück, wenns wirklich kommt, ertragen, Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.
Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen: Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache, Und auch der Läufer wird es nicht erjagen.
August von Platen |
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Selige Sehnsucht |
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Sag es niemand, nur den Weisen, Weil die Menge gleich verhöhnet: Das Lebendge will ich preisen, Das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung, Die dich zeugte, wo du zeugtest, Überfällt dich fremde Fühlung, Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen In der Finsternis Beschattung, Und dich reißet neu Verlangen Auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig, Kommst geflogen und gebannt, Und zuletzt, des Lichts begierig, Bist du Schmetterling verbrannt.
Und so lang du das nicht hast, Dieses: Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.
Johann Wolfgang von Goethe |
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Gebet |
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Herr! schicke, was du willt, Ein Liebes oder Leides; Ich bin vergnügt, daß beides Aus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden Und wollest mit Leiden Mich nicht überschütten! Doch in der Mitten Liegt holdes Bescheiden.
Eduard Mörike |
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Das trunkene Lied |
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O Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht? »Ich schlief, ich schlief -, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: Die Welt ist tief, Und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh -, Lust - tiefer noch als Herzeleid: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit - will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
Friedrich Nietzsche |
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Oktoberlied |
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Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holden! Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden!
Und geht es draußen noch so toll, Unchristlich oder christlich, Ist doch die Welt, die schöne Welt, So gänzlich unverwüstlich!
Und wimmert auch einmal das Herz - Stoß an und laß es klingen! Wir wissen's doch, ein rechtes Herz Ist gar nicht umzubringen.
Der Nebel steigt, es fällt das Laub; Schenk ein den Wein, den holden! Wir wollen uns den grauen Tag Vergolden, ja vergolden!
Wohl ist es Herbst; doch warte nur, Doch warte nur ein Weilchen! Der Frühling kommt, der Himmel lacht, Es steht die Welt in Veilchen.
Die blauen Tage brechen an, Und ehe sie verfließen, Wir wollen sie, mein wackrer Freund, Genießen, ja genießen!
Theodor Storm |
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Weisheit & Besinnung II |
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Komm in den totgesagten park |
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Komm in den totgesagten park und schau: Der schimmer ferner lächelnder gestade Der reinen wolken unverhofftes blau Erhellt die weiher und die bunten pfade. Dort nimm das tiefe gelb - das weiche grau Von birken und von buchs - der wind ist lau Die späten rosen welkten noch nicht ganz Erlese küsse sie und flicht den kranz Vergiss auch diese letzten astern nicht Den purpur um die ranken wilder reben Und auch was übrig blieb von grünem leben Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.
Stefan George |
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Gebet |
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Herr, laß mich hungern dann und wann, Sattsein macht stumpf und träge, und schick mir Feinde, Mann um Mann, Kampf hält die Kräfte rege.
Gib leichten Fuß zu Spiel und Tanz, Flugkraft in goldne Ferne, und häng den Kranz, den vollen Kranz, mir höher in die Sterne.
Gustav Falke |
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Noch einmal dem Nichts entstiegen |
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Noch einmal dem Nichts entstiegen, Noch einmal aus Flammen neu, Seh ich dich im Morgen liegen, Schöne Welt, dem Treuen treu. Komm, begegne meinem Hoffen, Gib an Lust und Schmerz mein Teil, Gläubig steht mein Busen offen Deinem Blitz und Todespfeil.
Ricarda Huch |
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Menschen bei Nacht |
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Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht. Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht, und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. Und machst du nachts deine Stube licht, um Menschen zu schauen ins Angesicht, so musst du bedenken: wem.
Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, das von ihren Gesichtern träuft, und haben sie nachts sich zusammengesellt, so schaust du eine wankende Welt durcheinandergehäuft. Auf ihren Stirnen hat gelber Schein alle Gedanken verdrängt, in ihren Blicken flackert der Wein, an ihren Händen hängt die schwere Gebärde, mit der sie sich bei ihren Gesprächen verstehn; und dabei sagen sie: Ich und Ich und meinen: Irgendwen.
Rainer Maria Rilke |
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Erscheinung |
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Die zwölfte Stunde war beim Klang der Becher Und wüstem Treiben schon herangewacht, Als ich hinaus mich stahl, ein müder Zecher. Und um mich lag die kalte, finstre Nacht; Ich hörte durch die Stille widerhallen Den eignen Tritt und fernen Ruf der Wacht. Wie aus den klangreich festerhellten Hallen In Einsamkeit sich meine Schritte wandten, Ward ich von seltsam trübem Mut befallen. Und meinem Hause nah, dem wohlbekannten, Gewahrt' ich, und ich stand versteinert fast, Daß hinter meinen Fenstern Lichter brannten. Ich prüfte zweifelnd eine lange Rast Und fragte: macht es nur in mir der Wein? Wie käm' zu dieser Stunde mir ein Gast? Ich trat hinzu und konnte bei dem Schein Im wohlverschloßnen Schloß den Schlüssel drehen Und öffnete die Tür und trat hinein. Und wie die Blicke nach dem Lichte spähen, Da ward mir ein Gesicht gar schreckenreich - Ich sah mich selbst an meinem Pulte stehen. Ich rief: "Wer bist du, Spuk?" - er rief zugleich: "Wer stört mich auf in später Geisterstunde?" Und sah mich an und ward, wie ich, auch bleich. Und unermeßlich wollte die Sekunde Sich dehnen, da wir starrend wechselseitig Uns ansahn, sprachberaubt mit offnem Munde. Und aus beklommner Brust zuerst befreit' ich Das schnelle Wort: "Du grause Truggestalt, Entweiche, mache mir den Platz nicht streitig!" Und er, als einer, über den Gewalt Die Furcht nur hat, erzwingend sich ein leises Und scheues Lächeln, sprach erwidernd: "Halt! Ich bin's, du willst es sein; - um dieses Kreises, Des wahnsinn-drohnden, Quadratur zu finden: Bist du der rechte, wie du sagst, beweis' es; Ins Wesenlose will ich dann verschwinden. Du Spuk, wie du mich nennst, gehst du das ein, Und willst auch du zu gleichem dich verbinden?" Drauf ich entrüstet: "Ja, so soll es sein! Es soll mein echtes Ich sich offenbaren, Zu Nichts zerfließen dessen leerer Schein!" Und er: "So laß uns, wer du seist, erfahren!" Und ich: "Ein solcher bin ich, der getrachtet Nur einzig nach dem Schönen, Guten, Wahren; Der Opfer nie dem Götzendienst geschlachtet Und nie gefrönt dem weltlich eitlen Brauch, Verkannt, verhöhnt, der Schmerzen nie geachtet; Der irrend zwar und träumend oft den Rauch Für Flamme hielt, doch mutig beim Erwachen Das Rechte nur verfocht: - bist du das auch?" Und er, mit wildem, kreischend lautem Lachen: "Der du dich rühmst zu sein, der bin ich nicht. Gar anders ist's bestellt um meine Sachen. Ich bin ein feiger, lügenhafter Wicht, Ein Heuchler mir und andern, tief im Herzen Nur Eigennutz und Trug im Angesicht. Verkannter Edler du mit deinen Schmerzen, Wer kennt sich nun? Wer gab das rechte Zeichen? Wer soll, ich oder du, sein Selbst verscherzen? Tritt her, so du es wagst, ich will dir weichen!" Drauf mit Entsetzen ich zu jenem Graus: "Du bist es, bleib und laß hinweg mich schleichen!" - Und schlich, zu weinen, in die Nacht hinaus.
Adelbert von Chamisso |
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Wer nie sein Brot mit Tränen aß |
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Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr lasst den Armen schuldig werden, Dann überlasst ihr ihn der Pein, Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Johann Wolfgang Goethe |
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Rosen pflücke, Rosen blühn |
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Rosen pflücke, Rosen blühn, Morgen ist nicht heut! Keine Stunde laß entfliehn, Flüchtig ist die Zeit!
Trinke, küsse! Sieh, es ist Heut Gelegenheit! Weißt du, wo du morgen bist? Flüchtig ist die Zeit!
Aufschub einer guten Tat Hat schon oft gereut! Hurtig leben ist mein Rat. Flüchtig ist die Zeit!
Johann Wilhelm Ludwig Gleim
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Am Ufer |
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Die Welt verstummt, dein Blut erklingt; in seinen hellen Abgrund sinkt der ferne Tag,
er schaudert nicht; die Glut umschlingt das höchste Land, im Meere ringt die ferne Nacht,
sie zaudert nicht; der Flut entspringt ein Sternchen, deine Seele trinkt das ewige Licht.
Richard Dehmel |
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Weiße Nacht |
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Taucht aus Nebelhauch und -Schimmer Turm und Zinne silbermatt, Schwebt des Äthers leiser Schwimmer Lichtstark über Strom und Stadt.
Dunkler Wipfel tief Gehänge Schattet um Bastei und Wall, Durch der Blätter dicht Gedränge Blinkt die Welle wie Metall.
Ist ein wunderstilles Fließen In die weite, weiße Nacht – Lichte Himmelsblumen sprießen, Meine Seele schaut und wacht.
Karl Henckell |
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Weisheit & Besinnung III |
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Heimliches Licht |
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Wie wir suchen, wo wir wandern Den geheimnisvollen Gang, Stets vom einen zu dem andern Schwebt es leise den Weg entlang.
Zu dem Müden schwebt es und gleitet Von dem Starken her und hin, Bis sein Haupt er hebt und schreitet Wieder fort mit kühnem Sinn.
Will der Mutige verzagen, Kommt vom andern schon das Licht, Fern versinken graue Klagen, Silbern steigt die Zuversicht...
Lichtlein, das herüberzittert, Flämmchen, das hinübereilt, Brennst zunichte, was verbittert, Fachest an, was stärkt und heilt.
Auf der Liebe Zaubergleisen Spielt das Leben hin und her – Flamme, bleib uns hold: wir reisen Heil hindurch zum ewigen Meer.
Karl Henckell |
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Sternenbitte |
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Wenn dich des Schicksals scharfer Wind mir raubte, Bevor mein eignes Los sich hier erfüllt, Du Liebe, Gute, die an mich noch glaubte, Als Nacht und Schatten meinen Pfad umhüllt . . .
Wenn mich dein süßes Licht verlassen müßte, Das mich begleitet im Verborgnen treu Bis an der Weltverzweiflung öde Küste Und losch nicht aus in irrgewordner Scheu . . .
Noch halt ich dich in heiliger Sternenstunde, An meinem Herzen schlägt dein Herz so heiß – Ihr Sternengeister, seid mit mir im Bunde Und segnet sie, die mich zu segnen weiß!
Karl Henckell |
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Wotanseiche |
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Im heiligen Hain Weitwurzelnder Eichen, Wie markige Recken Uralter Mären Bannschützend geschart, Ragt bodenfürstlich, Ehrfurchtgebietend, Der auserwählte Waldesriese, Wotan geweiht.
Die Sonne spielt Mit seiner Krone, Hoch in des Himmels Heiterer Bläue Badet sein Haupt – Doch drunten hütet Er seines Schattens Geheimnisschweres Dunkles Schweigen, Schicksalumraunt.
Der Donnerwettern Blitzschwangrer Wolken, Wildem Rasen Stöhnender Stürme Krachend standhielt – Der schnödem Axthieb Hainfremder, Erdehassender Jenseitsbettler Hohnvoll getrotzt!
Dem, grauer Held, Allvater Kraft gab – Dir würd' auf weiter Walstatt des Lebens Gern ich gleich. Daß mir zu Wipfel Die Vögel wandern Neuer Jugend, Sonnenzwitschernd, Urtraumvertraut.
Karl Henckell |
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Enzianblüte |
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Du stehst von Sonnenfreude trunken Im seligen Licht und atmest kaum, Der Himmel scheint in deinen Kelch versunken, Die Lüfte wehn in deinem Flaum.
Und wenn sie alle Schuld und Pein Von meiner Seele könnten wehen, So dürft' ich wohl dein Bruder sein Und stille Tage bei dir stehen.
So wäre meinen Weltenfahrten Ein selig leichtes Ziel ersehn, Gleich dir durch Gottes Träumegarten Als blauer Sommertraum zu gehn.
Hermann Hesse |
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Mein Stern |
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Oft in meinem Abendwandel hefte Ich auf einen schönen Stern den Blick. Zwar sein Zeichen hat besondre Kräfte, Doch bestimmt und zwingt er kein Geschick.
Nicht geheime Winke will er geben, Er ist wahr und rein und ohne Trug, Er beseliget und stärkt das Leben Mit der tiefsten Sehnsucht stillem Zug.
Nicht versteht er Gottes dunkeln Willen Noch der Dinge letzten ew'gen Grund, Wunden heilt er, Schmerzen kann er stillen, Wie das Wort aus eines Freundes Mund.
In die Bangnis, die Bedrängnis funkelt Er mit seinem hellsten Strahle gern, Und je mehr die Erde mählich dunkelt, Desto näher, stärker brennt mein Stern.
Holder, einen Namen wirst du tragen, Aber diesen wissen will ich nicht, Keinen Weisen werd' ich darum fragen, Du mein tröstliches, mein treues Licht!
Conrad Ferdinand Meyer |
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Und wer franzet oder britet |
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Und wer franzet oder britet, Italienert oder teutschet, Einer will nur wie der andre, Was die Eigenliebe heischet.
Denn es ist kein Anerkennen, Weder vieler, noch des einen, Wenn es nicht am Tage fördert Wo man selbst was möchte scheinen.
Morgen habe denn das Rechte Seine Freunde wohlgesinnet, Wenn nur heute noch das Schlechte Vollen Platz und Gunst gewinnet.
Wer nicht von dreitausend Jahren Sich weiß Rechenschaft zu geben, Bleib' im Dunkeln unerfahren, Mag von Tag zu Tage leben.
Johann Wolfgang von Goethe |
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Regen in der Dämmerung |
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Der wandernde Wind auf den Wegen War angefüllt mit süßem Laut, Der dämmernde rieselnde Regen War mit Verlangen feucht betaut.
Das rinnende rauschende Wasser Berauschte verwirrend die Stimmen Der Träume, die blasser und blasser Im schwebenden Nebel verschwimmen.
Der Wind in den wehenden Weiden, Am Wasser der wandernde Wind Berauschte die sehnenden Leiden, Die in der Dämmerung sind.
Der Weg im dämmernden Wehen, Er führte zu keinem Ziel, Doch war er gut zu gehen Im Regen, der rieselnd fiel.
Hugo von Hofmannsthal |
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Frühherbst |
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Die Stirn bekränzt mit roten Berberitzen steht nun der Herbst am Stoppelfeld, in klarer Luft die weißen Fäden blitzen, in Gold und Purpur glüht die Welt.
Ich seh hinaus und hör den Herbstwind sausen, vor meinem Fenster nickt der wilde Wein, von fernen Ostseewellen kommt ein Brausen und singt die letzten Rosen ein.
Ein reifer roter Apfel fällt zur Erde, ein später Falter sich darüber wiegt - ich fühle, wie ich still und ruhig werde, und dieses Jahres Gram verfliegt.
Agnes Miegel |
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O trübe diese Tage nicht |
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O trübe diese Tage nicht, Sie sind der letzte Sonnenschein, Wie lange, und es lischt das Licht Und unser Winter bricht herein.
Dies ist die Zeit, wo jeder Tag Viel Tage gilt in seinem Wert, Weil man's nicht mehr erhoffen mag, Daß so die Stunde wiederkehrt.
Die Flut des Lebens ist dahin, Es ebbt in seinem Stolz und Reiz, Und sieh, es schleicht in unsern Sinn Ein banger, nie gekannter Geiz;
Ein süßer Geiz, der Stunden zählt Und jede prüft auf ihren Glanz, O sorge, daß uns keine fehlt Und gönn' uns jede Stunde ganz.
Theodor Fontane |
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