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neue Dichter |
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Uwe Haubenreißer |
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Er wurde 1964 in Nordhausen (Harz) geboren, lebt daselbst zwischen Büchern und Kakteen. Seine Gedichte, gering an Zahl, bedürfen keines symbolischen Pomps um zu wirken – ihr liedhafter Ton, den Romantikern eher verpflichtet als den Olympiern, trägt sie leicht in das Herz des Lesers. Nach eigenem Bekunden liegen ihm weder "Historien-Gerassel" noch "transzendente Gesäusel", auch mag er den emotio- nalen Kern nicht zu kaltem Prunk zerschleifen. So wirken seine Verse, wie sie eben sind: still, von sanfter Melancholie durchwirkt, oft fragend, ja zweifelnd – doch immer klar gebaut und schön. |
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ausgewählte Werke I |
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Schweigezeit |
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In den Tälern, auf den Graten Schwindet still der müde Tag, Eingehüllt von Traumkantaten Welkt die Sonne überm Hag.
Vogel steigt ins Nimmerwieder, Westwärts, wo der Tag verloht, Lenkt mit rauschendem Gefieder Schwer den Flug ins Abendrot.
Schatten wachsen in den Zweigen, Weben dunkle Melodien, Flechten sich als milder Reigen In die Abend-Harmonien.
Wind durchflüstert Hain und Fluren, Aus der Ferne, nachtgeweiht, Tönen dumpf die alten Luren, Rufen uns zur Schweigezeit:
Wenn die Auen widerklingen Vom Gesang der Sterne sacht, Trägt der Wind mit sanften Schwingen Uns auf Kähnen durch die Nacht. |
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Der Dichter |
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Wen Hohes je in seinen Bann geschlagen, Der faselt, schwätzet nicht in wirren Zungen, Denn Klarheit hat und Maß er ausbedungen, Um Großes groß und Schönes schön zu sagen.
Zum roten Moste, Keltern süß entsprungen, Schafft ihm der herbe Wermut erst Behagen; Er leert der Kelche Neige sonder Klagen Und schlürft noch, was den Trestern abgerungen.
Was gölte ihm, der reinstem Sang erkoren, Das Staubgezücht stupider Koryphäen? Er gibt dem trägen Flügelgaul die Sporen
Zum forschen Ritt durch Jamben und Trochäen Und schöpft aus den balsamischen Amphoren Der Verse Ambra, bis ihn Schnitter mähen. |
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Die Kritikaster |
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Es war einmal … vor vielen, vielen Tagen, Als noch der Barden hohes Lied erklungen: Die Jungen pfiffen, wie die Alten sungen Und hielten sonst das Maul. Doch solch Betragen
Erwarte nicht, wenn heute du die Lungen Zu hehrem Sange füllst. Denn willst du wagen, Ein Stück aus ganzem Holze vorzutragen, Ist schnell ein loser Deckel abgesprungen
Und aus der Unglücksbüchse der Pandoren Entfleucht das Heer der Möchtegern-Juroren: Sie zwirbeln ihren Mist wie Skarabäen,
Durchwühlen Hof und Garten unverfroren Und schleudern frech aus ihren Tinten-Rohren Die schwarze Galle, dein Gedicht zu schmähen. |
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Sterbender Vogel |
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August. Die Hänge glühten. Ich schritt durch welkes Land. Im Flimmer dürrer Blüten zerfloss der Wege Rand. Heiß flammte Mittagsfeuer, das Leben schwieg, gebannt – nur Licht war, ungeheuer, von blauem Dom umspannt.
Ich fand ihn. Kniete nieder. Ich trug ihn ins Geschatt. Sein staubiges Gefieder – ich strich es sorgsam glatt. Und glaubte noch zu wenden dies Schicksal, klein und fremd: doch in den kühlen Händen lag Leben, das verbrennt.
August. Die Hänge glühten. Weiß stach der Tag ins Land. Ich kniete zwischen Blüten auf Lehm und heißem Sand. Ein federzartes Leben, das mit dem Sommer focht – ich hatte nichts zu geben, als dürstend es verpocht. |
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Kreise |
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Schon fraß die Zeit mit Laugen sich tief in dein Gefühl: Der Zug um deine Augen ward wissender – fast kühl berechnest du die Bahnen, den immer gleichen Schritt: da ist kein dunkles Ahnen, kein Herz, das da noch litt, nur stummer Gang, Geschäfte in Alltags grauer Hut – bemessen sind die Kräfte, du treibst mit Strom und Flut. Der Traum von Flug und Schwinge Ist aus. Die Scheuern leer. Noch fügst du Ring an Ringe, doch hoffst du keine Kehr, wo Jahre sich verdichten gleich Sediment-Gestein: Fossilisch, unter Schichten, so kerkerst du dich ein. |
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Menetekel |
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Wo ist der Hang, darin die Purpurtrauben glühten? Wo ist das Licht, das schwere Süße in sie zwang? Wo ist der Wein, dem funkelnd Träume mir erblühten? Und wo das Lied – des Morgens heller Überschwang?
Ein trunkner Prasser, ließ das Leben ich verrinnen, Denn grenzenlos und unerschöpflich schien mein Gut: Als könne jeden Tag ich noch ein Faß beginnen, Goß ich es leicht und ohne Reue in die Flut.
Mein Stundenglas läuft ab. Vom Becher, den ich leerte, Blieb nur der Neige Schmack: die stumpfe Bitternis. Dies war das letzte Fest. Was immer ich begehrte, War nur ein dunkler Traum, den Gott in Fetzen riß.
Nun sind die Tennen leer, verwüstet die Gehege, Die Hänge liegen brach, es wirbelt trocknes Laub. Mein Antlitz ward mir fremd. Ich kniee hier am Wege Und klaube, wenn ich finde, Münzen aus dem Staub. |
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Du siehst die Blätter |
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Du siehst die Blätter fallen, Vergilben und verwehn – Der Herbst betritt die Hallen Und fordert dich zu Lehn.
Noch einmal Duft und Blüte Und Fülle bis zuletzt: Doch allem, was da glühte Ist eine Frist gesetzt.
Sind holdere Genüsse Nicht bald wie Weine schal? Genieße Lust und Küsse: Wenn es die Zeit befahl
Zertritt ein Gott die Reben, Vermählt ihr Blut dem Sand, Und dunkle Parzen weben Dein Schicksal, urbekannt.
Denn Leben heißt: Zerfallen, Mit Dingen, die verwehn – Du bist nur eins von allen Und keines kann bestehn. |
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Sand |
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Bilder bleichen und verblassen, Zeit radiert sie aus – Nur die Rahmen hinterlassen Schatten, weiß im Haus.
In den Kästen und Kommoden staut sich Gestern an: Schimmel, Staub und Episoden, dumpfes Irgendwann.
Blumen, Sterne, Traumgestalten, Tinnef, Trödel, Tand – Urne Herz, wie willst du halten aller Stunden Sand? |
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ausgewählte Werke II |
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Herbst-Terzett |
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September dehnt die Schatten in deinen lichten Tag – aus Hecken und Rabatten ertönt der Amselschlag nur selten noch und leise, und was den Sommer liebt, das rüstet sich zur Reise, bevor er ganz zerstiebt.
Von stürmischen Regatten der Wolken überjagt, siehst du die Welt ermatten. Ein stummes Feuer nagt und steigt an jedem Stamme: bis in die Wipfel loht Oktobers späte Flamme und zündet bunten Tod.
Du mußt das Jahr bestatten. Schon dunkeln in den Tag novemberbraune Schatten. Doch in die Silben trag nun grünen Glanz und Farbe, die Röte Mohns, den Tau, das Blond der reifen Garbe, des Himmels Weiß und Blau.
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Quartett |
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Cello, erdenschweres Stöhnen, Dunkles Hummelsummen du, Erst der Bratsche warmes Tönen Flicht dir Immen-Klang hinzu. Geigen: Bogenstrich, Zikaden, Atem seid ihr, reines All: Harmonie – wo an Gestaden Chaos brandet und Verfall. |
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Für Eva |
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Und wolltest du allen Dein Rätsel ergründen: Ich legte dir Schleier um Leib und Gesicht.
Und fände ich nächtens die Gunst deines Lagers: Ich ließe dich schlafen und weckte dich nicht.
Denn ich möchte ahnen, wo andere wissen. Die Brücken der Träume erbaut nur Verzicht.
Ich weiß dich geborgen im Grund dunkler Blüten, im Spiegel der Wasser, in jedem Gedicht. |
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Barde |
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Ein Kranz von deinen Worten, Ein Spruch aus deinem Mund Entsiegelt Weltenpforten Und öffnet tiefsten Grund.
Doch wähl die Worte leise, Erzwinge sie dir nicht: Nur so fügt sich die Weise Zu Strophe und Gedicht.
Erst wenn du Leid und Minne Verwobst zu Vers und Klang, Erhöht sich deine Stimme Zu herrlichem Gesang.
Dann weihe dich dem Schönen, Des Reich du hold durchwehst Und schwelg in lichten Tönen, Bis rauschend du vergehst. |
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