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Sagen & Legenden |
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Thüringen |
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Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser |
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Von diesem Kaiser gehen viele Sagen im Schwange. Er soll noch nicht tot sein, sondern bis zum jüngsten Tage leben, auch kein rechter Kaiser nach ihm mehr aufgekommen. Bis dahin sitzt er verhohlen in dem Berg Kyffhausen, und wann er hervorkommt, wird er seinen Schild hängen an einen dürren Baum, davon wird der Baum grünen und eine bessere Zeit werden. Zuweilen redet er mit den Leuten, die in den Berg kommen, zuweilen läßt er sich auswärts sehen. |
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Gewöhnlich sitzt er auf der Bank an dem runden steinernen Tisch, hält den Kopf in die Hand und schläft, mit dem Haupt nickt er stetig und zwinkert mit den Augen. Der Bart ist ihm groß gewachsen, nach einigen durch den steinernen Tisch, nach andern um den Tisch herum, dergestalt, daß er dreimal um die Rundung reichen muß bis zu seinem Aufwachen, jetzt aber geht er erst zweimal darum.
Ein Bauer, der 1669 aus dem Dorf Reblingen Korn nach Nordhausen fahren wollte, wurde von einem kleinen Männchen in den Berg geführt, mußte sein Korn ausschütten und sich dafür die Säcke mit Gold füllen. Dieser sah nun den Kaiser sitzen, aber ganz unbeweglich.
Auch einen Schäfer, der einstmals ein Lied gepfiffen, das dem Kaiser wohlgefallen, führte ein Zwerg hinein, da stand der Kaiser auf und fragte: »Fliegen die Raben noch um den Berg?« Und auf die Bejahung des Schäfers rief er: »Nun muß ich noch hundert Jahre länger schlafen.« Quelle: Deutsche Sagen, Gebrüder Grimm |
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Das Ende des Königreichs Thüringen |
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I. König Bisinus
Die Gegend, welche wir heute bewohnen, gehörte vor fast 1500 Jahren zum Königreich der Thüringer, das im Westen die Werra, im Osten die Saale und Elbe, im Norden den Harz und darüber hinaus die Flüsse Oker und Ohre, im Süden die Donau umfaßte. Es war ein angesehenes, mächtiges Reich, dessen Königshaus mit dem Langobardenkönig und den fränkischen Merowingern verschwägert und durch die Vermählung Irminfrieds mit Amalaberga, einer Nichte des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen, verwandtschaftliche Beziehungen auch zu den Ostgoten gewann.
Um das Jahr 500 regierte über dieses Reich König Bisinus (Bisino). Als dieser starb, teilten sich seine drei Söhne das Reich: Baderich, der Älteste, erhielt den südlichen Teil, Berthar das Mittelstück zwischen Thüringer Wald und Unstrut, Irminfried den Teil nördlich der Unstrut bis zur Altmark. Irminfried wohnte auf der Scidingeburg, dem heutigen Burg- scheidungen.
II. Irminfried und Amalaberga
Die Gemahlin Irminfrieds war Amalaberga, eine Nichte des mächtigen Ostgotenkönigs Theoderich, der in Ravenna in Italien seine Residenz hatte.
Amalaberga war ein ehrgeiziges, herrschsüchtiges und stolzes Weib. Sie war keineswegs damit zufrieden, daß ihr Gemahl nur einen Teil des Reiches erhalten hatte. Das ganze ungeteilte Reich wollte sie beherrschen! Darum bestürmte sie den König ständig, seinen Brüdern ihr Erbe zu entreißen und sich selbst zum Herrscher über ganz Thüringen zu machen. Aber noch fand sie bei Irminfried taube Ohren. Als Berthar bei einem Kriegszug gegen die benachbarten Franken um sein Leben gekommen war, glaubte sie, nun leichtes Spiel zu haben. Und als Irminfried eines Tages zum Mahle kam, fand er den Tisch nur halb gedeckt, und da er fragte, was das zu bedeuten hätte, erhielt er zur Antwort: "Wer nur das halbe Reich sein nennt, darf auch den Tisch nur halb gedeckt haben!"
Durch solche und ähnliche Reden aufgereizt, erhob sich schließlich Irminfried gegen seinen älteren Bruder Baderich. Im geheimen schickte Irminfried Boten zu König Theuderich von Franken, ihn zur Teilnahme an diesem Kampfe und zum Bündnis mit ihm zu bewegen. "Wenn du Baderich tötest", so ließ er ihm ausrichten, "wollen wir sein Land zu gleichen Teilen unter uns teilen." Theuderich kam mit Heeresmacht, und Baderich verlor in der Schlacht sein Leben. Irminfried vergaß aber sein Versprechen und dachte nicht daran, es zu erfüllen.
III. Der Anfang vom Ende
Solches vergaß der Frankenkönig Theuderich nicht. Er verbündete sich mit seinem Bruder Chlothar, der als König über Neustrien herrschte. Er sah aber seine Stunde erst ge- kommen, als Theoderich der Große nicht mehr unter den Lebenden weilte und die Franken ihn nun nicht mehr zu fürchten brauchten, um gegen Irminfried zu ziehen und ihn wegen seines Wortbruchs zu strafen. So fielen Theuderich mit Theudebert, seinem Sohn, und seinem Bruder Chlothar in Thüringen ein.
Die Thüringer erwarteten die Franken bei Runibergun, an der Grenze ihres Reiches. Zwei Tage währte der Kampf ohne Entscheidung, am dritten wurde Irminfried zum Rückzug gezwungen. Die Thüringer bezogen bei Mühlhausen und Langensalza neue Verteidigungs- stellungen. Und dort, wo sie den neuen Angriff der Franken erwarteten, hatten sie tiefe Löcher ausgehoben und wieder mit grünem Rasen überdeckt, so daß viele von den fränkischen Reitern hineinstürzten und der Angriff ins Stocken geriet. Aber die Franken kamen bald hinter diese List und brachten den Thüringern eine große Niederlage bei.
Da mußte sich Irminfried mit seinen Kriegern zurückziehen, und viele wurden dort, wo die Unstrut unfern ihres Ursprungs unreguliert und keine große Tiefe haben konnte, nieder- gemetzelt, so daß das flache Flußbett von ihren Leichen gefüllt und an seichten Stellen Erschlagene und Schwerverwundete schließlich eine Stauung herrvorriefen, die den nach- folgenden Franken ermöglichte, darüber wie auf einer Brücke an das andere Ufer zu gelangen. Auch das Wasser der Unstrut hatte sich blutrot gefärbt.
Nach der Flucht der Thüringer in ihre Burg rief König Theuderich seine Heerführer und fragte sie um ihre Meinung, ob er Irminfried weiter verfolgen oder heimkehren sollte. Einer riet zum Abzug, ein anderer zum Bleiben und zur Fortsetzung des Kampfes.
Dessen Rede gefiel dem König und allen, die nach reicher Beute und Siegesruhm begierig waren. Man blieb im Lager, und eine Botschaft ging zugleich zu den Sachsen mit dem Er- bieten, wenn sie König Theuderich Hilfe brächten wider Irminfried und die Thüringer, er ihnen den nördlichen Teil des besiegten Landes als ewigen Besitz überlassen würde.
Die Sachsen säumten nicht und schickten sogleich neun Heerführer mit jeweils tausend Mann, die bei den Franken durch ihren Wuchs und ihre Haltung, durch ihre Kleidung und ihre Waffen Aufsehen erregten.
Einige fränkische Heerführer äußerten beim Anblick der unbändigen Sachsen Bedenken und warnten König Theuderich, daß diese, hätten sie erst Irminfried besiegt, sie auch bald das Reich der Franken vernichten würden. Der König dachte aber nur an den augenblick- lichen Nutzen, deshalb nahm er die Hilfe der Sachsen an und gebot ihnen, sich zum Sturme gegen die Burg vorzubereiten, in die sich Irminfried mit den Resten seiner Krieger zurückgezogen hatte. Die Sachsen steckten nun ein Lager ab, südlich von der Burg auf den Wiesen, die zwischen einem Bachlauf (dem Biberbach) und der Unstrut lagen.
Schon am folgenden Tage griffen sie in den Morgenstunden zu den Waffen, erstürmten die Vorburg und steckten sie in Brand. Dann bereiteten sie den Angriff auf das östliche Tor vor.
Die Thüringer machten einen verzweifelten Ausfall, stürmten in blinder, Wut auf ihre Gegner los, und eine grimmige Schlacht begann. Auf beiden Seiten wurden viele zu Boden gestreckt, denn die Thüringer kämpften für ihr Vaterland, für ihre Frauen und Kinder, die Sachsen dagegen aber für Beute, Ruhm und den Besitz des überfallenen Landes. Erst die einbrechende Nacht trennte die Kämpfenden. Die Thüringer beklagten viele Tote, die Sachsen 6000 Gefallene.
IV. Der Jagdfalke
In dieser Notlage wendet sich der König der Thüringer an Theuderich. Iring, der erfahrene und gewandte, getreue Gefolgsmann und Berater wird mit einer demütigen Botschaft und reichen Schätzen (einen Teil davon braucht er, um die fränkischen Heerführer zu be- stechen) zu Theuderich gesandt, um Frieden zu erbitten und freiwillige Unterwerfung zu geloben.
Nur mit Widerstreben läßt sich der Frankenkönig von seinen Heerführern bereden, Gnade zu üben. Am folgenden Tage will er Irminfried empfangen. Iring dankt dem Frankenkönig und sendet allsogleich einen Boten mit der frohen Botschaft an Irminfried, bleibt aber selbst im fränkischen Lager, damit nicht noch eine Sinnesänderung des Frankenkönigs einträte.
Da durch die Botschaft Irings die belagerte Burg ruhig und der Frieden in greifbare Nähe gerückt war, verläßt der Thüringer Wito die Burg, um seinen Jagdfalken auf einen Reiher stoßen zu lassen. Ein Sachse, auf dem südlichen Ufer des Flusses, fängt beide Tiere und gibt den Falken erst dann wieder frei, als Wito ihm ein Geheimnis preisgibt: Die beiden Könige hätten Frieden miteinander geschlossen, und am folgenden Morgen würden die Sachsen in ihrem Lager überfallen werden.
Dadurch, daß Wito zu Pferde die Unstrut überschreitet, um seinen Falken in Empfang zu nehmen, verrät er auch die Furt, durch die die Sachsen ungehindert in die Nähe der Burg gelangen können. Bei dieser Nachricht sind die Sachsen zunächst einmal ratlos, aber ein alter kraftvoller Krieger, Hathagat, reißt durch eine flammende Rede die Sachsen dazu hin, dem Feinde zuvorzukommen und noch in der Nacht die sich in Sicherheit wiegenden und ahnungslos schlafenden Thüringer in der Burg zu überfallen. Den übrigen Tag verwenden die Sachsen darauf, sich zu stärken und zu erfrischen, und mitten in der Nacht greifen sie zu den Waffen, stürmen die Mauern und dringen mit gewaltigem Geschrei in die unbewachte Burg ein.
Einige Thüringer suchen ihr Heil in der Flucht, andere irren wie trunken umher, andere fallen den Sachsen in die Hände, indem sie diese verkannten und für die ihrigen halten. Die Sachsen aber töten alle erwachsenen Männer, die jüngeren sparen sie für die Knecht- schaft auf. Es ist eine Nacht voller Geschrei, Mord und Plündern, bis die Morgenröte den verlustlosen Sieg der Sachsen beleuchtet.
Durch Irminfrieds Tod oder Gefangenschaft wäre der Sieg vollkommen gewesen, aber man stellte fest, daß er sich mit Frau und Kindern und nur wenigen Begleitern durch die Flucht gerettet hatte. Am folgenden Tag, in der Morgenstunde, stellten die Sachsen vor dem östlichen Tor ihre Stammeszeichen auf und errichteten einen Siegesaltar, eine "hohe Säule", und nach den von den Vätern übernommenem Brauche feierten sie drei Tage ein Siegesfest. Dann zogen sie ins fränkische Lager, das zwischen dem Bache (die Blinde) und der Unstrut gelegen war und forderten ihren Anteil.
V. Irminfrieds Ermordung
Als Theuderich vernahm, daß Irminfried entkommen sei, faßte er einen Plan, ihn bei günstiger Gelegenheit zurückzurufen und durch Versprechungen in Sicherheit zu wiegen, um ihn dann desto leichter ermorden zu lassen. Das sollte Iring tun, der bei ihm geblieben war. Es gelang ihm, Iring nach langem Widerstand, durch reiche Geschenke und Ver- sprechungen einer hohen Stellung für seinen Plan zu gewinnen, er selbst aber solle und wolle nach außen hin schuldlos erscheinen.
Irminfried folgt der Einladung nach Zülpich und wirft sich dem Frankenkönig zu Füßen. Der beschenkt ihn reich mit Ehrengaben, aber Iring, der als Waffenträger des Frankenkönigs mit bloßem Schwert neben den Königen steht, tötet seinen früheren König und Herrn. Theuderich aber heuchelt Empörung und verflucht Iring: "Durch solche Missetat bist du bei allen Sterblichen verhaßt geworden. Der Weg steht dir offen, uns zu verlassen."
"Mit Recht", erwidert Iring, "bin ich allen Sterblichen verhaßt geworden, weil ich deiner Arglist gefolgt bin. Aber ehe ich fortgehe, will ich erst meinen Herrn rächen und mein Verbrechen sühnen." Und mit dem noch vom Blute Irminfrieds gefärbten Schwert er- schlägt er Theuderich, legt dann die Leiche Irminfrieds über die Theuderichs, damit "wer lebend überwunden worden wäre, im Tode überwände." Und damit Sieger sei. Und mit dem Schwerte sich einen Weg bahnend, durch die ihn in dichten Scharen umgebenden Franken, geht er hinweg.
So ward Irminfried erschlagen, nicht in der Schlacht, nicht auf der Flucht, nicht im Heimat- land, sondern durch trügerische Versprechungen ins Frankenland gelockt und durch Verrat seines einstigen Vertrauten dahingemordet, aber dennoch Sieger im Tode. Diese Tat Irings erlangt solche Bekannheit, daß die Milchstraße am Himmel noch heute mit Irings Namen bezeichnet und Iringsweg oder Iringstraße genannt wird. Quelle: Sagen und Legenden aus Nebra (Rudolf Tomaszewski) |
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Vom edlen Ritter Tannhäuser |
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Da Ludwig der Milde, Landgraf von Thüringen, auf einem Kreuzzug im Morgenlande gestorben war, verließ er keine Kinder, und das Land fiel an seinen Bruder Hermann. Zu dessen Zeiten blühte in deutschen Landen der Minnesang und ward geübt und geliebt von Fürsten und Edeln, und Fürst Hermann versammelte viele Sänger zu seinem glänzenden Hofhalt auf der Wartburg.
Eine Zeit nach ihm lebte auch ein Minnesänger im Frankenlande, der führte wie die meisten seiner Sanggenossen ein Wanderleben. Da habe ihn, als er am Hörseelenberge vorüberzog, die Erscheinung eines wunderholden Frauenbildes aufgehalten, das sei nie- mand anders als eben Frau Venus selbst gewesen, und ihm gewinkt, ihr in den Berg hineinzufolgen, und obschon auch ihn der treue Eckart gewarnt, habe der Ritter doch nicht zu widerstehen vermocht und sei hineingegangen und habe sich von Frau Venus umstricken lassen und habe ein ganzes Jahr im Berge verweilt.
Viele alte Lieder singen und sagen, wie nun die Reue über den Tannhäuser gekommen, daß er sich besonnen und in sich gegangen und habe wieder aus dem Berge heraus- begehrt. Als er solches nun äußerte, erinnerte Frau Venus ihn an seinen Eid, den er ihr geschworen, allein Tannhäuser leugnete ihr solches in ihr schönes Gesicht hinein. Darauf erbot sie sich, ihm eine andere Gespielin statt ihrer zu geben, aber er sprach, so er solches täte, müsse er ewig ob solcher Vielweiberei in der Glut der Hölle brennen. Da lachte Frau Venus hell auf und fragte ihn, was er doch von der Hölle Glut schwatze.
Ob er diese je bei ihr empfunden habe? Ob nicht ihr roter Mund zu allen Stunden ihm freundlich zugelacht? So ging der Streit noch eine Weile fort, bis Tannhäuser in seiner Undankbarkeit für alles Liebe und Gute, was Frau Venus an ihm getan, sie eine Teufelin schimpfte. Das nahm Frau Venus endlich übel und drohte, es ihm entgelten zu lassen. Da schrie der Tannhäuser die Jungfrau Maria an, ihm von dem Weibe zu helfen, und da sprach Frau Venus mit Stolz: Nun könne er hingehn, er möge sich nur bei dem Greise beurlauben - er werde dennoch ihr Lob noch preisen.
Nun ging der Tannhäuser reuevoll aus dem Venusberge und wallete gen Rom zum Papst Urban, dem klagte und beichtete er seine Sünden und bekannte, daß er bei einer Frau mit Namen Venus ein Jahr lang gewesen. Der Papst hielt in seiner Hand den hohen Stab mit dem römischen Doppelkreuze und sprach zu dem reuigen Sänger: So wenig der dürre Stab hier grünet, kommst du, der du bei des Teufels Hulde warst, zu Gottes Hulde! Vergebens flehte der Tannhäuser, ihm eine jahrelange Buße aufzuerlegen, dann zog er wieder aus dem ewigen Rom voll Leid und Jammer und klagte bitterlich, daß des Papstes hartes Wort ihn auf ewig von Maria, der himmlischen Huldin, scheide, daß Gott ihn nicht annehme, und verwünschete sich wieder zu Frau Venus in den Hörseelenberg.
Die stand schon da und lachte hell und spottete ihm entgegen recht teufelisch: Seid gottwillkommen, Tannhäuser, mein lieber Herr, ich hab Euer recht lang entbehrt, mein auserkorener Buhle!, und lachte noch einmal und riß ihn durch die Höhlenpforte mit sich hinab. Aber am dritten Tage danach, da hub des Papstes Stab an zu grünen, und nun sandte der Papst Boten aus in alle Lande, wo der Tannhäuser hingekommen wäre - der war aber wieder in dem Berg bei seinem schlimmen Lieb, und deshalb ist der Papst Urban der Vierte auch mit in die ewige Verdammnis gefallen, wie das alte Tannhäuserlied schließt:
Des mußt der vierte Papst Urban Auch ewiglich sein verloren.
Denn er hatte selbst, bevor er Papst wurde, mit einem Weibe im Bistum Lüttich, genannt Frau Eva in der Klause, die im abergläubischen Müßiggang sich verschlossen hielt, in sonderlicher Freundschaft gestanden und ihr zuliebe das Fronleichnamsfest gestiftet; er hatte drei Jahre lang mit großem Blutdurst die Parteien der Weifen und Ghibellinen aneinandergehetzt, und die Sekte der Bettelbrüder hatte er als ein rechter Heuschrecken- könig mit den schönsten Freiheiten begabt. Drei Monate lang leuchtete ein wundergroßer Komet schrecklich durch die Nächte, bis in die Nacht, in welcher Papst Urban IV. 1265 starb, da hörte er auf zu erscheinen. Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch |
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Der Krieg auf der Wartburg |
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Bei Landgraf Hermann und seiner Gemahlin Sophia waren auf Schloß Wartburg im Jahre 1206 eine Zahl meisterlicher Minnesinger, die hießen Walther von der Vogelweide, Rein- hart von Zwetzen, auch Reimar Zweier genannt, Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen, Meister Biterolf und Heinrich von Rispach, der tugendhafte Schreiber ge- nannt, der war des Landgrafen Kanzellar und auch ein Ritter.
Diese Sechse hielten ein Wettsingen miteinander, darin sie das Lob guter Fürsten priesen und vornehmlich das des gastlichen Landgrafen Hermann von Thüringen, der Grafen Poppo und Hermann des Weisen von Henneberg, auch des Markgrafen Otto von Branden- burg, zubenamt mit dem Pfeile, der selbst ein Minnesinger war. Besonders waren es die Henneberger, von denen Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Rispach den Ritter- schlag und Rosse und Gewande empfangen hatten, welche der genannte Heinrich, Biterolf und Wolfram von Eschenbach priesen, ebenso pries Heinrich von Rispach den Thüringer Landesherrn, aber Heinrich von Ofterdingen, ein Österreicher, obschon ihn alte Bücher einen Bürger von Eisenach nennen, und, wie viele glauben, der Dichter des hochwerten Nibelungenliedes, pries Leopold, Herzog von Österreich und sang, daß dieser vor allen Fürsten strahle gleich der Sonne vor allen Gestirnen.
Da wurde der Sängerkampf also ernst und heftig, daß die Sänger beschlossen, es solle der Unterliegende durch die Hand des Henkers sterben. Alle waren gegen Heinrich von Ofterdingen erbittert und hätten ihn gern vom Thüringer Hofe weggehabt. Da nun alle gegen ihn, den einen, sangen, so unterlag er, und nur die gütige Landgräfin, zu der der Verfolgte sich flüchtete, schirmte ihn, indem sie ihren Mantel über ihn breitete, als er Rettung flehend zu ihren Füßen sank. Heinrich von Ofterdingen erbat sich ein Jahr Frist, er wolle von dannen reisen und einen größeren Meister holen, der solle urteilen und richten. Damit meinte er den berühmten Meister Klinsor vom Ungarland, der ein Minne- singer und ein Zauberer zugleich war.
Ofterdingen zog nun von Wartburg fort, gen Österreich zu seinem gefeierten Herzog und von diesem nach Siebenbürgen zu Klinsor, der ihm seine Begleitung nach Thüringen zu- sagte, ihn bei sich behielt und sich und ihm mit Dichten, Singen und allerlei Kurzweil die Zeit vertrieb, so daß unvermerkt das Jahr verstrich und Ofterdingen endlich bange ward, er werde zur bestimmten Frist Wartburg nicht wieder erreichen.
Da er nun gegen Klinsor ängstlich klagte, beruhigte ihn der und sagte: Wir haben starke Pferde und einen leichten Wagen, wir kommen wohl noch zeitig hin, und gab ihm einen Schlummertrunk, als es Abend geworden, legte ihn auf eine lederne Decke und sich da- zu und ließ sich und ihn von den Geistern, denen er gebot, sänftiglich in der Nacht gen Eisenach in das beste Wirtshaus tragen, das war dazumal nicht der halbe Mond oder Rautenkranz, sondern der Hellegrafenhof am Sankt-Georgen-Tor linker Hand, wenn man zur Stadt ausging.
Wie der Türmer den Tag anblies, erwachte Ofterdingen und hörte den Klang der Glocke, die zur Frühmesse läutete, von Sankt Georgen, und rief: Wie ist mir doch? Dieselbe Glocke hört' ich schon, ich meint', ich war' zu Eisenach, ist das nicht Sankt-Jürgen-Tor? - Klinsor lächelte und sprach: Siehe zu, ob du nicht träumest. - Da nun die Kunde hinauf auf Wart- burg kam, daß die zwei Meistersänger gekommen seien, gingen die Sänger alle herab, sie zu begrüßen und hinaufzugeleiten, und wurden gar herrlich von dem Fürstenpaare und seinem Hofstaate empfangen. Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch |
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Junker Jörg |
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Nach der Zeit ward ein Mann abends auf die Wartburg gebracht; da wohnten schon keine Landgrafen mehr droben, sondern ein Hauptmann und Amtmann, der hieß Hans von Ber- lepsch, und der mit ihm den gefangenen Mann brachte, hieß Burkhard Hund von Wengk- heim, der hatte seinen Burgsitz auf dem Altenstein jenseits des Thüringer Waldes, war aber des Kurfürsten zu Sachsen Amtmann zu Gotha.
Die hatten Befehl von ihrem gemeinschaftlichen Herrn, dem Kurfürsten, erhalten, einen Mann, der von Möhra her über den Wald beim Altenstein die Straße nach Sachsen ziehen werde, mitten im Walde aufzuheben, um ihn wohlbewacht, doch ungefährdet auf die Wartburg zu bringen und denselben dort gut zu halten und zu pflegen, auch statt des mönchischen Gewandes, das selbiger Mann trug, ihm ein ritterlich Gewand und ein Schwert zu geben.
Und sollte der gefangene Mann sich nennen Junker Jörg, weil er ritterlich stritt gegen den Drachen der Pfaffenverblendung, welche den Menschen so vielen Mißtrost gaben, wie jener Papst Urban dem armen Ritter Tannhäuser und jene Predigermönche zu Eise- nach dem freudigen Landgrafen. Und tat Junker Jörg droben auf der Wartburg die größte Rittertat des Geistes, die je (außer Christus) ein Mann getan, er übertrug das Wort Gottes, das alleinige Wort des Heils, die Bibel, in die deutsche Sprache.
Solche Arbeit ärgerte und verdroß den Teufel gewaltiglich, und er umsumsete und um- brumsete den gelahrten Ritter und Doktor gar arg und wollt ihn irre machen, ließ ihm auch des Nachts keine Ruhe, sondern rasselte und rappelte in den Nüssen, die der Doktor in einem Sack unterm Bette hatte, polterte auch auf dem Boden und auf dem schmalen Gang im Ritterhause, vor der Zelle, herum, aber der Doktor sprach bloß: Bist du's, so sei es! - Aber endlich hat doch einmal der Doktor aus Zorn, als er wieder recht eifrig arbeitete und der Teufel in Gestalt einer Hummel oder Hurnauspe recht eifrig um ihn herum- sumsete, das Tintenfaß genommen und es nach ihm geworfen, daß ein großer Tintenfleck an der Wand worden, und von da ab hat ihn der Teufel auf Wartburg in Ruhe gelassen.
Der Fleck ist aber zum Andenken geblieben, und wenn die Wand überstrichen worden, ist er wieder zum Vorschein gekommen, und endlich hat jeder, der's gesehen, davon ein Bröcklein zum Wahrzeichen mit sich davontragen wollen, da hat es freilich verschwinden müssen, und ist jetzt eher ein Loch in der Wand als ein Fleck. Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch |
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Der Wilde Jäger jagt die Moosleute |
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Auf der Heide oder im Holz an dunkeln Örtern, auch in unterirdischen Löchern, hausen Männlein und Weiblein und liegen auf grünem Moos, auch sind sie um und um mit grünem Moos bekleidet. Die Sache ist so bekannt, daß Handwerker und Drechsler sie nachbilden und feilbieten. Diesen Moosleuten stellt aber sonderlich der wilde Jäger nach, der in der Gegend zum öftern umzieht, und man hört vielmal die Einwohner zueinander sprechen:
»Nun, der wilde Jäger hat sich ja nächtens wieder zujagt, daß es immer knisterte und knasterte!«
Einmal war ein Bauer aus Arntschgereute nah bei Saalfeld aufs Gebirg gegangen, zu holzen; da jagte der wilde Jäger, unsichtbar, aber so, daß er den Schall und das Hunde- gebell hörte. Flugs gab dem Bauer sein Vorwitz ein, er wolle mithelfen jagen, hub an zu schreien, wie Jäger tun, verrichtete daneben sein Tagewerk und ging dann heim. Früh- morgens den andern Tag, als er in seinen Pferdestall gehen wollte, da war vor der Tür ein Viertel eines grünen Moosweibchens aufgehängt, gleichsam als ein Teil oder Lohn der Jagd.
Erschrocken lief der Bauer nach Wirbach zum Edelmann von Watzdorf und erzählte die Sache, der riet ihm, um seiner Wohlfahrt willen, ja das Fleisch nicht anzurühren, sonst würde ihn der Jäger hernach drum anfechten, sondern sollte es ja hangen lassen. Dies tat er denn auch, und das Wildbret kam ebenso unvermerkt wieder fort, wie es hingekommen war; auch blieb der Bauer ohne Anfechtung. Quelle: Deutsche Sagen, Gebrüder Grimm |
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Die wilde Kirche |
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Auf den Ohmberg im Eichsfeld kam auf seinem Bekehrungsgange durch Thüringen auch der heilige Bonifazius und zerstörte dort eine heidnische Opferstätte auf einem Felsen, der noch jetzt der große Stein heißt. Dort pflanzte er ein Kreuz auf und predigte von einem grausam steilen Felsen, der, vom Ohmberge abgerissen, ganz einzeln sich erhebt, fast wie der erst spät wieder zugänglich gemachte Bonifaziusfels beim Schlosse Altenstein, und dieser Fels und Ort heißt noch heute die wilde Kirche.
An des Berges Fuß gründete Bonifazius ein Kloster, das hieß zu den drei Annen. Als einst eine furchtbare Pest das Eichsfeld verheerte und die Geistlichen dahingerafft hatte, sollen neugeborne Kinder zur wilden Kirche getragen und allda von einem Einsiedler getauft worden sein.
Es ist dort nicht so recht geheuer; manche haben schon wundersamen Glockenklang vernommen, und eine Frau erblickte selbst die Glocke, silberhell in offner Glockenstube hängend über einem auch offnen überherrlichen Dome, darinnen die Kerzen brannten und ein greiser Bischof das heilige Amt hielt. Ganz erstaunt eilte das Weib, ihren Mann zu rufen, als sie ihn aber endlich gefunden hatte und zur Stelle führte, war die Kirche verschwunden, gleich der Geisterkirche am Ochsenkopf und auf Burg Waldstein. Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch |
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Von Frau Venus und dem Wilden Heer |
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Zu denselben Zeiten war es offenbar und landkundig, daß im Hörseelenberg auch ein heidnisch Frauenbild verwünscht worden, die erschien den Leuten voller Huld und lockte sie in den Berg mit buhlerischem Liebeszauber, darum ward sie Hulda geheißen, und war solch Götterweib kein anderes als Frau Venus, die Göttin aller Liebe, in den Berg gebannt zu scheinbarer Freude und doch zu ewiger Pein, denn sie, die Schönste, warmer weicher Luft gewohnt, mußte als Schreckgespenst und Schauerholle in den kältesten Winter- nächten mit all ihrer Buhl- und Genossenschaft in greulicher Larvengestalt über Berge und Wälder hinjagen, mit Hailoh und Hussa und dem ganzen Lärm und Geschrei und Gejohle des wütenden Heeres.
Da sähe man Geköpfte, die ihre Köpfe unterm Arm trugen, daherfahren, andere wälzten sich, auf Räder geflochten, um, wie Ixion in der heidnischen Mythe, manche hatten das Angesicht im Nacken, andere hatten es auf der Brust, manche hatten Schlangenschwänze und Eidechskrallen; manche tanzten und hüpften auf einem Bein daher, andere schlugen Räder wie die Betteljungen, und allerlei Wild und Hatzhunde jagten mit. Vor dem Heere her schritt ein Greis am weißen Stabe, der hieß die Leute aus dem Wege gehen, daß sie nicht Schaden litten, den nannte man den treuen Eckart, und brachte das Sprichwort von ihm auf: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann.
Manche nennen auch die Frau Hulda oder Frau Venus Herodias, des Herodes Tochter, die Johannis des Täufers Haupt forderte und zu ewiger Wanderung verflucht ward gleich dem laufenden Juden. Wann es schneit, sagen die Kinder in Thüringen: Frau Holle schüttelt ihr Federbett aus; verlarvte Gespenster heißen nach ihr Hullenpöpel. Gleich der wilden Jägerin Bertha oder Berchta belohnt sie fleißige Mägde und bestraft die Faulen, zerzaust und verwirrt auch letzteren den Rocken.
Vom treuen Eckart ging der Glaube, daß, wenn das wilde oder wütende Heer nicht ziehe, so sitze er außen an der Höhle und warne jedermann, hineinzugehen, als ein Engel in Menschengestalt von Gott an diesen Ort geordnet. Quelle: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch |
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