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Freyrs schöne Schwester hieß im Norden Freyja, in Deutschland Frouwa (Frau). An Hoheit und Ansehen stand sie Frigg, Wodans Gemahlin, gleich, an Schönheit über- strahlte sie alle Göttinnen Asgards. Frigg erscheint als das Muster- und Vorbild der würdigen, fleißigen, umsichtigen Hausfrau und liebenden Mutter, Freyja dagegen als die vornehme Herrin, vom Glanz der Poesie umschimmert. Sie ist die Göttin des Frühlings, der Schönheit und der Liebe, also die Muse im germanischen Götterhimmel. |
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Das Sinnbild ihres Liebreizes war ihr kostbarer Halsschmuck Brisingamen, dessen Edel- steinglanz ihr Antlitz mit sonnigem Licht überstrahlte und ihre An mut verdoppelte. Brisinga bedeutet in isländischer Sprache das Feuer mit seinem Glänze, Men dagegen Halsschmuck; brisen heißt aber auch verknüpfen, zusammenschnüren.
Das heilige Feuer der Liebe verbindet die Herzen, und wie sich in Brisingamen Perle an Perle, Ring an Ring reiht, so verknüpft Freya durch die Macht der Liebe die einzelnen Menschen: Jüngling und Jungfrau, Mann und Weib, Familie mit Familie, Geschlecht mit Geschlecht, Stamm mit Stamm zu einer einzigen Kette, die sich wie ein Blütenschmuck um die Gottheit schlingt.
Einmal stahl Loki, der rastlos umgehende Geist der zerstörenden Kräfte, der schlafenden Göttin den Halsschmuck. Aber Heimdali, der scharfäugige Himmelswächter, hatte den Raub bemerkt; er ergriff den Dieb und entwand ihm in heißem Ringen das Geschmeide, um es Freyja wiederzugeben.
So verliert auch der Mensch seinen schönsten Schmuck, sein kostbarstes Kleinod, wenn die Liebe in seinem Herzen einschläft, und den verlorenen Schatz kann er nur wieder- gewinnen, wenn er, wie Heimdali, sein Leben darum wagt und heldenmütig seine Selbst- sucht zum Opfer bringt; denn der Liebe innerstes Gesetz ist die Selbstaufopferung. Freyja hatte einen Gemahl, mit Namen Odur.
Er war der schönste aller sterblichen Männer, und keiner ward je so geliebt wie er. Da er aus der Urquelle der Poesie, dem Born göttlicher Liebe, der in Freyjas Herzen sprudelt, seligste Weisheit getrunken hatte, zog er aus gen Midgard, um seinen Brüdern, den Menschenkindern, die Himmelsgabe der Dichtkunst zu bringen.
Allein er blieb lange aus, die Göttin verzehrte sich in Sehnsucht nach dem Geliebten und machte sich auf den Weg, um ihn zu suchen. Unter verschiedenen Namen durchwanderte Freyja die Gaue der Menschen, zog von Ort zu Ort und fragte nach Odur, aber nirgends konnte sie seine Spur finden.
Da fielen heiße Tränen aus ihren blauen Augen, und jeder Tropfen wurde eine köstliche Perle, die im Sand der Erde und auf den grünen Wiesenfluren wundersam erglänzte. Fanden die Menschen diese blinkenden Perlen, so hoben sie sie in die Sonne und riefen mit Entzücken: "Freyjas Tränen! Seht, wie herrlich erglänzen die Tränen treuer Liebe!"
Himmelsschlüsselchen und Rosen erblühten aus dem Tränentau der Göttin im Wiesengrund und in den Gärten, aber auch das todbringende Bilsenkraut und die Herzeleid bedeutende Passionsblume; im Sand des Meeres aber wandelten sich die kostbaren Tropfen in Bernsteinperlen; daher das Wort "Perlen bedeuten Tränen".
Den geliebten Mann fand Freyja nicht wieder, aber eine wunderschöne Tochter erblühte ihr, mit Namen Hnossa. Das Mägdlein war ihr Augentrost, und gern hörte sie es, wenn man von einer holdseligen Jungfrau sagte: "Sie ist so schön wie Hnossa, Freyjas Tochter."
Der Liebesgöttin war von den Haustieren die feine, zärtlich sich anschmiegende Katze geweiht. Zuweilen fuhr sie in einem Wagen aus, der von zwei Wildkatzen gezogen wurde. Das bräutliche Mädchen ließ es sich daher besonders angelegen sein, die Katze wohl zu pflegen, denn dann durfte es hoffen, daß die hohe Göttin ihm an seinem Hochzeitstag gutes Wetter bescheren werde.
Noch heute lebt im norddeutschen Volk dieser Glaube, und man begeht dort die Hoch- zeitsfeier mit Vorliebe am Freitag, dem der Freyja geweihten Wochentag, und sagt für heiraten "freien".
Aber Freyja war nicht nur die Göttin der Liebe, sie war auch die Königin der Walküren und hieß als solche Hilde oder Gefion. Da erscheint sie in schimmernder Kriegsrüstung, das Haupt bedeckt mit dem Schreckenshelm Hildeswin, der dem Eberrüssel nachgebildet ist. So sprengt sie an der Spitze der Schild-Jungfrauen in das Schlachtgetümmel, schreckt die Feinde, hebt die vornehmsten der gefallenen Helden auf ihren schnaubenden Renner und führt sie gen Folkwang, ihren prächtigen Palast. |
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