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Allvater, der alles geschaffen hatte, alles belebte, ordnete, lenkte und regierte, mußte notwendig auch alle Macht, alle Weisheit und alles Wissen haben. Er mußte allmächtig und allwissend sein. Und diese höchsten göttlichen Eigenschaften besaß Wodan in der Tat so lange, wie er ohne Schuld und Fehl war, "bis die Nornen kamen" und die Schicksalslose der Welt aus seinen Händen nahmen.
Das kennzeichnende Merkmal seiner Allmacht war der Spieß Gungnir, der Erd- und Welterschütterer, der, von des Gottes gewaltiger Kraft geworfen, stets sein Ziel ver- nichtend traf und dann von selbst wieder in die Hand seines Herrn zurückkehrte.
Allvaters rechten Arm umschloß der wunderbare Ring Draupnir (Tröpfler), von dem jede neunte Nacht acht gleiche Ringe abtröpfelten. Dieser Ring ist das Sinnbild der Ewigkeit und seiner stets sich erneuernden Schöpferkraft, mit der er die Welt erhält und ihr immer neue Kräfte zuführt.
Im Wipfel der Weltesche, hoch über Walhalla, befand sich Allvaters Thron Hlidskialf. Von ihm aus konnte er mit seinem allesdurchdringenden Sonnenauge das ganze weite Weltall überschauen. Der Hochsitz Hlidskialf und die Sonne sind also die Sinnbilder der Allwissen- heit Wodans.
Allvaters Haupt deckt ein breiter, dunkelfarbiger Hut, der einer weitschattenden Wetter- wolke gleicht. Seinen göttlich hohen und starken Leib umwallt ein blauer, faltiger Mantel, der mit goldenen Sternbildern übersät ist. Furchtbar erhaben erscheint sein runendurch- furchtes Antlitz, in dem das große Sonnenauge bald mit alldurchdringender Glut und Schärfe funkelt und drohend wetterleuchtet, bald in väterlicher Milde und beseligender Güte und Freundlichkeit lächelt; ein langer, weißer Bart wallt ihm gleich einer Wolke von Schneeflocken tief auf die breite Brust herab und verleiht dem geistausstrahlenden, er- habenen Götterantlitz die ehrfurchtgebietende Würde des an Erfahrung, Weisheit und tiefer Erkenntnis reichen Alters.
Alles, was ein Mensch auf Erden an Manneshoheit je gesehen, wird von Wodans maje- stätischer Erscheinung noch weit übertroffen, und kein Sterblicher vermöchte in den Strahlenglanz seines Auges zu blicken, ohne wie geblendet zurückzuschrecken. Deshalb heißt Allvater auch Ygger, der Schreckliche, und die Weltesche, das Werk seines Geistes, Yggdrasil, Träger der Schrecken. So lange das goldene Zeitalter währte, lenkte und re- gierte Wodan als Allvater die Welt nach seinem Willen. Aus seiner Hand kam alles Gute und Schöne, das die Menschen, seine Kinder, beglückte.
Den Fluren des Bauern spendete er Regen und Sonnenschein, daß Menschen und Vieh Nahrung in Fülle hatten; dem Jäger gab er Wild und Glück auf der Jagd, dem Fischer reichen Fang und dem Schiffer guten Fahrwind. Darum liebte und verehrte man frommen Herzens den gütigen Allvater und strebte danach, durch edle Gesinnung, wackere Tat, redlichen Wandel und durch Opferspenden der Dankbarkeit seine Gunst zu gewinnen. Das edelste Volk germanischen Stammes nannte sich Goten (Götter).
Das geschah nicht in sträflicher Überheblichkeit und Vermessenheit, als hätte es sich den unsterblichen Asen an Rang gleichstellen wollen. Der stolze Name entsprang vielmehr der erhabenen Gesinnung, mit aller Kraft den Willen der hohen Götter auf der Menschenerde zu verwirklichen und als tapfere Streiter wider alles, was böse, schlecht und niedrig war, an Wodans Seite zu stehen und unter seiner Führung die Unholde der Finsternis nieder- zuwerfen.
Denn vorüber war nun auch für die germanischen Völker das "goldene Zeitalter". Sie waren auf der Wanderung nach neuen Zielen, wollten Midgard erobern und es dem Willen der Asen Untertan machen. Da war Kampf und Krieg die Losung der Zeit. "Und wie der Mensch, so ist sein Gott." Aus Odin, dem Sonnengott, dem himmlischen Allvater, wurde nun Wodan, der göttliche Kriegsfürst, der gewaltige Schlachtenlenker und Siegverleiher, und sein Name lautete nun Walvater, Heervater, Siegtyr und Hropter (Rufer zum Streit).
Und gemäß dem veränderten Wesen wandelte sich auch das äußere Bild. Walvaters Haupt bedeckt nun ein geflügelter Goldhelm, Brust und Leib schirmt die strahlende Brünne, die Linke stützt sich auf den weißen Schild, drohend ragt daneben der Spieß Gungnir auf; zwei Raben sitzen auf seinen breiten Schultern oder auf der Lehne des Thrones, und zu seinen Füßen liegen die beiden Wölfe Geri und Freki. So sitzt Wodan, der Kriegsfürst, in Walhalla und blickt mit Wohlgefallen auf die freudig bewegte Tafelrunde seiner Einherier, zwischen denen die holden weißarmigen Schenkmädchen dienstbeflissen hin und her eilen.
Aber was wollen die Raben auf seinen Schultern? Es sind seine getreuen Boten Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung). Jeden Morgen fliegen sie von Asgards Höhen in die weite Welt hinaus, und mittags kehren sie wieder heim und flüstern ihrem Herrn alles ins Ohr, was sie draußen gesehen und gehört haben. Denn Walvater ist nicht allwissend, wie einst Allvater es war; durch Verfehlungen ist das Auge seines Geistes getrübt worden. Daher bedarf er der geflügelten schwarzen Kundschafter, die wie die Wölfe zugleich auch Sinnbilder des männermordenden Krieges sind.
Bringen die Raben nach Walhalla die Botschaft, daß auf Erden die Schlacht entbrennt, so erhebt sich Wodan von seinem Hochsitz, schüttelt freudig den Spieß und ruft nach seinem achtbeinigen Hengst Sleipnir, dem raschen, windschnellen Renner. Da springen auch die Einherier mit blitzenden Augen von der Metbank auf und greifen zu den Waffen, obwohl sie nicht mit Heervater gen Midgard reiten dürfen. Dieses Vorzuges er freuen sich nur die lieblichen Schenkmädchen. Flugs verwandeln sie sich in kriegerische Schildjungfrauen, schwingen sich in glänzender Waffenrüstung auf ihre feurigen Graurosse und sprengen, von Kampfeslust glühend, hinter ihrem Herrn durch die Lüfte nach dem tosenden Schlachtfeld hernieder.
Da schreckt Wodan die Feinde, indem er seinen furchtbaren Spieß über ihre Häupter schleudert; seinen Freunden aber verleiht er Sieg und Ruhm. Dann küren die Walküren die Wal: Sie neigen sich zu den auserwählten gefallenen Helden herab, heben sie auf ihre schnaubenden Renner und sprengen mit ihrer Beute durch die Lüfte gen Walhalla.
Immerdar ist Krieg und Kampf Heervaters Freude, und den Heldengeist, der ihn beseelt, haucht er auch seinen Völkern ein und führt sie von Sieg zu Sieg. Nicht nur sollen sie Midgard erobern und der Asen Herrschaft dort ausbreiten, sie sollen auch die Scharen der Einherier in Walhalla mehren; denn einst wird der Tag kommen, da der gellende Klang des Giallarhornes Wodan und seine Helden zu der großen Schlacht aufschrecken wird, auf die alle Unholde der Finsternis warten.
Diesen Tag der großen Entscheidung, des unerbittlichen Weltgerichts immer weiter hin- auszuschieben, darauf ist Walvaters, des "grübelnden Asen", stetes Sinnen und Trachten gerichtet, auf daß er die Zahl seiner Streiter mehren könne. Denn er weiß wohl, wie gewaltig die Macht seiner Feinde ist.
Von Wodan stammte auch die "keilförmige" Schlachtordnung der germanischen Kriegs- völker, der sogenannte Eberrüssel. An seine Lieblingshelden verlieh er sogar seine eigenen Waffen: Schwert und Speer, an die unfehlbar der Sieg geknüpft war. Und sah er einen seiner Auserwählten einmal in großer Gefahr, so eilte er gedankenschnell herbei, hüllte den Freund in seinen Mantel und fuhr mit ihm, von den verblüfften Feinden un- gesehen, aus dem wilden Schlachtgetümmel durch die Luft nach einem sicheren Zufluchtsort. |
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