Uwe Nolte

Verscheuchter Zauber

Du, beschenkt vom Sang des Windes,
Rauschbestäubt von Pollenschnee,
Pilgerst mit dem Blick des Kindes
Bergab über Hiddensee,

Siehst die Ginsterkelche golden
Prunken auf dem Wiesenmeer,
Farbenspiele aller Dolden
Kreisen flirrend um dich her.

Oberon tanzt auf der Wellen
Flimmerschäumen und du winkst
Noch ihm zu, bevor in hellen
Augenblicken du ertrinkst.

Leichter hatte nie zerfließen
Können deiner Sinne Bann;
Auf dem größten Fels der Wiesen
Sitzt ein Zauneidechsenmann,

Blickt nach dir, als würde harren
Deiner schon Äonen er,
Du verbleibst noch, mußt erstarren
Vor dem Steinthron, andachtsschwer.

Um die schlanken, glanzbeflaggten
Flanken seines Leibes weht
Ein Gewand, ganz von Smaragden
Und Saphiren übersät.

Dunkel raunt dein Puls Gebete,
Jäh der Zeiten Strom versiegt,
Magisch walten einst gesäte
Wünsche, rings die Welt verfliegt.

Einzig du und er bewachen
Unbewegt den Mittagshag,
Alle Götter in dir lachen;
Nie sahst schöner du den Tag!

Er, gelassen, äugt mit einer
Geste zu dir, königlich
Ist sie und du machst dich kleiner,
Schleichst behutsam näher dich,

Still! du kannst den Herrn der Echsen
Fangen, siehst ihn zwinkern schon,
Doch er scheint dich zu verhexen:
Nur ein Rascheln ist dein Lohn.

Und ein Schreck faucht, deine Glieder
Lähmend, in dein Herz hinein;
Niemals, niemals wirst du wieder
So nah solchem Zauber sein.