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Zwiegespräche |
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ORPLID & NOLTEX |
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ORPLID & Blaue Narzisse 2010 |
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Wie wenig andere Musikgruppen haben ORPLID aus Halle/Saale seit ihrer unbetitelten Erstveröffentlichung von 1997 den deutschen Neofolk geprägt. Ihre dezidierte Hinwendung zu lyrischen Klassikern u.a. der Neuromantik und vor allem ihr Beharren auf Eigensinn und freiem künstlerischen Schaffen – trotz teilweise starken Gegenwinds – hat Dutzenden anderer Musiker zum Vorbild gereicht. Leider befindet sich das Projekt seit zwei Jahren im schaffensmäßigen Schlaf. Dennoch konnten wir Uwe Nolte, Sänger und Texter der Gruppe, für ein Gespräch gewinnen. Er lebt noch immer in Halle und ist neben seiner musikalischen Arbeit als Dichter, Maler und Konzertorganisator tätig.
BlaueNarzisse.de: Sehr geehrter Herr Nolte, Ihren ORPLID-Mitstreiter Frank Machau lernten Sie in den frühen 90ern beim Metalprojekt RÜCKGRAT kennen, zu dessen ästhetischem Selbstverständnis es gehörte, ideologische Floskeln bewußt platt zu verwenden und so zu karikieren. Drückte sich hierüber eine generelle Geringschätzung gegenüber der Realpolitik aus? Wie denken Sie heute über den damaligen inhaltlichen Output?
Uwe Nolte: Ja, mit Politik haben wir wirklich nichts am Hut. Was damals an Inhalt fabriziert wurde, entspricht zwar nicht heutigem künstlerischen Vermögen, doch bin ich nicht der Typ, der sich für Vergangenes schämt. RÜCKGRAT war eine Treppenstufe zum eigenen Ich. Außerdem ging es bei diesem Projekt weniger um Inhalt. Hauptsächlich sollte Energie transportiert werden. Hätten wir damals den Weg konsequent weiterverfolgt, wären wir wahrscheinlich heute so eine Art RAMMSTEIN geworden, also eine erfolgreiche Rockformation, die sich über Tabubrüche und Kontroversen definiert. Erfolgreich zu sein, klingt erstmal verlockend, aber man sollte Mensch und Künstler sein, um sich und die Welt zu ergründen, seinem Dasein einen Sinn zu geben, und nicht ums goldene Kalb zu tanzen. Das überläßt man besser den Idioten.
Das Gesamtwerk ORPLIDs ist von steter Beschäftigung mit und Hochschätzung für alte deutsche Lyrik durchzogen. Neben Ihren eigenen Texten sind unter den Liedern auch zahlreiche Gedichtvertonungen zu finden. Warum haben Sie sich von der zeitgenössischen Wortkunst abgewendet und beleben stattdessen die alten Klassiker wieder?
Die Klassiker haben eben einfach Klasse! Das moderne Gekrakel hingegen ist Ausdruck kultureller und spiritueller Leere. Für mich hat Kunst noch etwas mit Erziehung, Anspruch und Ideal zu tun. Kunst soll die Welt verändern, besser, reicher machen! Moderne Künstler reflektieren meist nur die Welt, und wenn sie Nuancen zeigen, dann nur im Vulgären, im vermeintlich Abgründigen. Es fehlt die heilsame Vision im Werk. Ein Grund dafür ist, daß die heutige Kunst sich nach dem Markt richtet, wobei es eigentlich umgekehrt sein sollte. Aber das Blatt wird sich wenden, wenn die derzeitige „Brot und Spiele-Ära“ vorüber ist!
Neben lyrischen Bezügen finden sich auch dezidiert zeitgeschichtlich inspirierte Werke; exemplarisch sei hier „Geheiligt sei der Toten Name“ genannt. Wo sehen Sie die Schnittmenge zwischen dem Selbstanspruch Ihrer Kunst und realen Ereignissen wie den späten Balkankriegen, die heutzutage ja durchgängig politisiert sind? Gab es seinerzeit Berührungsängste gegenüber „realen Themen“ im Gegensatz zur „unproblematischen“ romantischen bzw. klassischen Dichtkunst?
Berührungsängste habe ich prinzipiell keine. Es ist eben einfach nicht meine Art, die Probleme dieser Welt mit der Zeigefingerpolemik eines Lagerfeuer-Liedermachers anzusprechen. Jedes noch so zarte, esoterische oder mythische Gedicht ist letztlich ein Faustschlag in die häßliche Fratze der Moderne. Inhaltsloses Säbelgerassel und monotones Schlagwortgebrüll überläßt man den Völkern Gog und Magog. Unsereins interessiert die Essenz. Es geht nicht um momentanen Erfolg, sondern um die Saat fürs Morgen.
ORPLID haben seit der Veröffentlichung von „Greifenherz“ im vergangenen Jahr nichts mehr von sich hören lassen. Frank Machaus Nebenprojekt PRIMUS INTER PARES hat nach der Veröffentlichung eines einzigen Albums offenbar schon seine Arbeit eingestellt, während Sie mit BARDITUS zwei EPs herausgebracht haben und seitdem nur noch Auftritte absolvieren. Inwieweit kann der geneigte Hörer noch darauf hoffen, von einem der genannten Projekte Neues zu hören?
Ich hoffe, daß irgendwann einmal eine BARDITUS-CD fertig ist, aber im Moment habe ich einfach Freude an Konzerten. Ich habe schon genug CD-Projekte betreut und verwirklicht. Das ist auf Dauer öde. Jetzt will ich einfach ein wenig Spaß auf der Bühne haben und mir die Welt ansehen! Im Moment plane ich Ausstellungen meiner Bilder in Rußland. Ich bin vielseitig und muß mich nicht auf ein Kunstgenre beschränken, zumal ich in Deutschland mit der Musik immer wieder an die Grenzen der Subkultur gestoßen bin. Jetzt versuche ich mich verstärkt auf anderem Terrain, künstlerisch und geografisch. Mich langweilt Deutschland. Es ist zu brav hier. Land und Leute sind konsumbezähmt, völlig entseelt.
In der Vergangenheit haben Ihnen selbsternannte „Antifaschisten“ oftmals, wie so vielen Neofolk-Musikern, in hasserfüllten Worten den Transport und die Ästhetisierung „faschistischen“ Gedankenguts unterstellt, insbesondere aufgrund Ihrer Beteiligung an den berühmt-berüchtigten Riefenstahl- und Evola-Samplern. Wie bewerten Sie als langjähriger Kenner der Szene den Stellenwert der Politik in der Neofolk-Musik? Welche gesinnungsmäßigen Fixpunkte liegen für Sie diesem besonderen Musikstil zugrunde?
Ehrlich gesagt war es mir schon immer ein Rätsel, warum aus besagten Kreisen Schimpfe zu vernehmen ist, denn die grundlegende Botschaft meiner Kunst lautet: Schönheit, Phantasie und Freiheit, was ja schon eine grundlegende Haltung gegen Diktatur und kausalem Wahnsinn impliziert. Die Leute geben einem ein ihrem Horizont entsprechendes Image und die dazugehörige Schublade. Die „Rechten“ mißbrauchen unsereins, weil sie was Konservatives wittern im Werk und die „Linken“ sind empört darüber, und mißbrauchen uns im selben Moment auch bloß für ihre Zwecke. Das ist zwar ein langweiliges Spielchen, aber ich habe Verständnis für jede, auch mir noch so ferne Lebensform. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, wie man so schön sagt.
Zudem spielt es ohnehin keine Rolle, was andere hinterm Rücken zu zischeln oder anonym im Internet an Lügen zu kritzeln haben. Kritik findet von Angesicht zu Angesicht und auf Augenhöhe statt. Politisches Geschwätz, Getue und Gepose jeglicher Couleur ist mir zuwider.
Daß wir damals bei solchen Klischee-Liedersammlungen mitmachten, ist eventuell aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar, aber mittlerweile unter „Jugendsünde“ verbuchbar. Es ist fast 15 Jahre her! Ich weiß auch nicht, warum deswegen so ein Wind gemacht wird. Die Tonträger sind weder indiziert noch verboten und unsererseits wurde keine „negative Botschaft“ vermittelt. Das Gefährlichste ist meines Erachtens zum Beispiel an der Riefenstahl-CD, daß man von der dilettantischen Aufmachung Augenkrebs bekommen kann. Wie auch immer: Auf keinen Fall werde ich dem schwachbrüstigen Zeitgeist nach dem Maul reden und mich von diesen Beiträgen distanzieren! Wer seine Vergangenheit leugnet, verleugnet sich selbst! Schon daß man sich weiterentwickelt hat, ist Distanzierung genug.
Ich habe keine Ahnung vom Neofolk oder dessen Szene. Wer politisch tätig sein will, soll Politiker werden. Was ich von provokativen Musikgruppen halte, habe ich eingangs in der ersten Antwort schon gesagt. Aber am Ende soll jeder nach seiner Facon glücklich werden.
Klar war ich ein glühender Anhänger des sogenannten Neofolk und benannte auch meine erste Ausstellung beispielsweise „SOL INVICTUS“, aber ich sehe mich deswegen nicht als Teil dieser Bewegung an. Umgedreht wird ein Schuh draus. Neofolk hat mich beeinflußt, mich bewegt, war ein Stück meiner Entwicklung. Neofolk bedeutet für mich: spirituelle Suche nach Herkunft und Ziel. Neofolk ist Aufruhr und Sehnsucht. Es ist schade, daß aus der einstigen Jugend-Rebellion ein nonkonformer Faschingsball geworden ist. Aber das ist der Gang der Dinge. Neues wird und Neues muß kommen!
Vielen Dank für das Gespräch! |
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ORPLID & metal1.info 2008 |
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Guten Tag, die Herren! Bevor wir zum eigentlichen Interview kommen: Wie fühlt sich die Veröffentlichung von "Greifenherz" für euch an?
Frank: Ich für meinen Teil bin einigermaßen zufrieden mit dem Album, Musik, Texte und Cover sind in sich stimmig – was will man mehr. Wenn ich zudem noch die innere Aufregung und Euphorie verspüren könnte, die mich bei früheren Veröffentlichungen bewegte, müsste ich beinahe den Begriff „glücklich“ verwenden. Aber man wird routinierter mit der Zeit, die Hände zittern nicht mehr, wenn sie die gerade gepresste CD umfassen, die Rezensionen werden einem egal, man nimmt Lob wie Tadel mit der gleichen Gelassenheit, die Interviews geraten zur Pflichtübung…
Uwe: Jedes Werk ist nur eine Wegemarke, nicht mehr und nicht weniger.
Euer neues Album klingt wesentlich martialischer, elektronischer und imposanter als es noch das ältere, verträumtere und introvertiertere Material tat. Womit erklärt ihr diese Veränderung?
Frank: Das Alter hat uns wohl verbitterter und härter gemacht. Die Musik ist nicht weniger introvertiert als vorher, innen sieht es nur mittlerweile anders aus.
Uwe: Man hat irgendwann die Phase der Romantik durchschritten und wendet sich neuen Horizonten zu. Die frühere jugendliche Begeisterung ließ einen doch Vieles durch die rosarote Brille sehen. Jetzt fielen die Masken der Welt – und auch die eigenen.
Frank, ist nicht ein ganz anderes Gefühl, beinahe vollkommen auf richtige Instrumente zu verzichten und sich nahezu komplett in elektronischen Klängen auszudrücken?
Frank: Ich sehe keinen großen Unterschied, ob man nun richtige Instrumente oder Sampler benutzt. Wenn nur genug Leidenschaft im Spiel ist.
Was verkörpern der Greif und dessen Herz im lyrischen Gesamtkontext?
Uwe: Der Name „Greifenherz“ wurde gewählt, weil immer wieder Raubvögel in den Texten vorkamen. Das wurde mir aber erst am Ende der Schreibphase bewußt. Der Greif ist ein Wappentier, ein Fabel- und Mischwesen, das in keinem zoologischen Ordnungssystem zu finden ist. Er symbolisiert im Kontext zum Werk Sonne und Krieg, Sterben und Wiedergeburt. Der Name des Albums hätte somit auch „Phönixherz“ lauten können, jedoch klingt das ja nicht so toll.
Mit "Traum von Blashyrkh" spielt ihr auf das von Immortal geschaffene Fantasiereich Blashyrkh an. Wie kam es dazu?
Uwe: Immortal machen Kraftmusik. Oft höre ich mir deren Lieder bei heimischen Hantelübungen an. Als ich mir irgendwann im Sommer 2006 das Video zum Lied „Blashyrkh“ zu Gemüte führte war ich dermaßen vom Rabensang Abbaths verzückt, daß mir eine Hantel auf den großen Zeh fiel. Ich mußte starke, sehr starke Schmerzmittel nehmen und verfiel dann in eine Art Dämmerschlaf, wo mich der im Gedicht beschriebene Traum ereilte.
Glaubt ihr, dass die Texte, sofern vorhanden, generell den gleichen Stellenwert wie die Musik besitzen sollten?
Frank: Im Idealfall bildet beides eine Einheit und ist nicht voneinander zu trennen. Viel mehr lässt sich über das Verhältnis von Text und Musik nicht sagen, da wir auf das Rezeptionsverhalten unseres Publikums ohnehin keinen Einfluss haben.
Uwe, deine Texte sind diesmal ausgesprochen vielseitig ausgefallen. Da wären wieder Reminiszenzen an griechische Epen (wie in "Myrmidonenklage"), Naturbetrachtungen und sehr metaphorische Sprachgewänder. Es zeigen sich die Einflüsse vieler Dichter in ihnen. Mir würden da am ehesten Goethe, Hölderlin und Mörike einfallen. Was inspiriert dich zu deinen Dichtungen? Welche Dichter haben dich deiner eigenen Ansicht nach besonders geprägt und inspiriert?
Uwe: Inspirieren kann Vieles. Meistens ist es das Unvermögen in dieser Welt einen Platz zu finden; Enttäuschung, Abschied und Vergänglichkeit hinterlassen die prägendsten Eindrücke. Es bleibt nur die Möglichkeit sich eine eigene, autarke und unverletzliche Welt zu schaffen. Hölderlins Schicksal und Werk beeinflußten mich sehr, genau wie die anderen großen Dichter; Eichendorff, Lenau, Novalis usw. Aber inzwischen fühle ich mich verwandt - über Heym, Rilke, Trakl und Benn hinaus - mit den Zeitgenossen Uwe Lammla und Rolf Schilling.
Frank, dein Gesang hat ja im Laufe eures Bestehens einen großen Sprung gemacht. Hast du bewusst an deiner Stimme gearbeitet?
Frank: Ich wollte ja ursprünglich gar nicht singen, das war bei der Gründung von Orplid nicht geplant. Meine gesanglichen Fähigkeiten haben sich im Laufe der Zeit beim Üben und Aufnehmen verbessert, ich habe mittlerweile gewissermaßen meine Stimme gefunden und bin in der Lage diese mitunter durchaus effektiv einzusetzen. Als richtigen Sänger sehe ich mich jedoch nicht, auch wenn ich vielleicht einen größeren Stimmumfang habe als Lou Reed oder Mark E. Smith (die ich trotzdem lieber höre als mich selbst).
Hat der weitestgehende Verzicht auf neofolkloristische Komponenten einen für euch nachvollziehbaren Grund oder war es eher etwas, das sich "einfach so ergab" ?
Frank: Es wurde einfach irgendwann langweilig.
Uwe: Ehrlich gesagt geht mir Lagerfeuergeklimper zur Zeit ziemlich auf den Keks. Dafür sind auch die Texte teilweise zu kantig was Inhalt und Form betrifft. Von mir aus kann alles noch extremer werden, solange es nicht form- und klanglos wie langweiliger Industrial-Lärm wird.
Das ihr euch nicht als Teil irgendeiner konstruierten Szene, sondern schlicht und ergreifend als ORPLID und als Künstler seht, habt ihr ja oft genug betont. Wie beurteilt ihr die Neigung der Menschen, sich zu Szenen zusammenzuschließen? Und seid ihr, in euren künstlerischen Kreisen, nicht auch eine kleinere Art "Szene", in der sich gleichgesinnte zusammen- geschlossen haben?
Frank: Ich sehe mich nicht als Künstler und bewege mich schon gar nicht in irgendwelchen Künstlerkreisen. Leider bin ich nicht bodenständig genug, um mich im „wahren“ Leben wirklich behaupten zu können, werde aber von „Künstlern“ wiederum sicher kaum als ihresgleichen akzeptiert. So bliebe mir tatsächlich nur noch die Möglichkeit, mich in irgendeiner „Szene“ zu verkriechen, aber daran reizt mich nichts. Die wenigen „Gleichgesinnten“, die ich kenne, schätze ich als Freunde.
Uwe: Szenen können Zuflucht bieten. Daran ist nichts verkehrt. Soll jeder machen wie er will. Zu offiziellen Künstlerkreisen habe ich ebenfalls keinen Zugang. Zwar zählen einige Künstler zu meinem Freundeskreis, aber das liegt ausschließlich an der Sympathie, die ich für den jeweiligen Menschen empfinde. Ich muß mich nicht zwangsläufig mit Kreativen umgeben.
Was ist eure Meinung zu der im Neofolk sehr verbreiteten romantischen Schwärmerei und Nostalgie? Glaubt ihr, dass es früher wirklich "besser" war in irgendeiner Hinsicht?
Frank: Das, was wir in der Gegenwart vermissen, müssen wir notgedrungen woanders suchen. Ich ziehe es vor, optimistisch in die Zukunft zu schauen.
Uwe: Ich verehre weder die Vergangenheit, noch die Zukunft – es zählt nur der Moment! Wenn man bei vollem Kühlschrank in einer beheizten Wohnung lebt, ist es sicherlich bequem für die „glorreiche Vergangenheit“ zu schwärmen. Dieses verklärte Rückbesinnen ist in meinen Augen eine dekadente Erscheinung unserer verweichlichten Gesellschaft. „Früher“ hätte es eben genau diese romantische Schwärmerei nicht gegeben, denn Kunst, Kultur, Religion – das Leben und der Mensch an sich waren viel essentieller. Das ist es vielleicht, was frühere Zeiten in einem besseren Licht erscheinen läßt, nur war dies den härteren Lebensbedingungen geschuldet. Aber es hat ja auch heute jeder die freie Wahl mit einem Lendenschurz bekleidet für immer in den Wald zu gehen. Ich ziehe da den Waldgang Jüngers vor.
Sind die "apokalyptischen Träume", die ihr auf "Greifenherz" behandelt, Produkt eines echten Traumerlebens?
Frank: Was die Musik angeht, schon.
Uwe: Meine Texte wurzeln eigentlich immer im Bereich des Traumes und Unbewußten.
Frank, fällt es dir manchmal sehr schwer, den richtigen kreativen Zugang zu Uwe's Texten zu finden? Wie gehst du beim Komponieren der Lieder vor?
Frank: Wenn ich zu Texten keinen Zugang finde, bitte ich Uwe einfach, sie für andere Zwecke zu verwenden. Wenn der Zugang gelingt, entsteht die Musik fast wie von selbst. Die Melodien sind dabei nahezu austauschbar, mir geht es vornehmlich um Klang und Stimmung.
Die Texte von "Luzifer" und "Gesang an den Horusfalken" von Rolf Schilling sowie "Der Anarchist" von Frank Wedekind sind Werke anderer Dichter, die ihr vertont habt. Ist es euch wichtig, das Schaffen anderer Künstler in euer Werk zu integrieren?
Uwe: Wichtig ist es sicherlich nicht, aber es hat ja schon bei Orplid Tradition, daß auch andere Dichter auf unsere Veröffentlichungen gelangen. Das bringt immer neue Nuancen – für uns und die Hörer. Uns geht es ja prinzipiell immer um die symbiotische Schönheit von Sprache und Klang – da muß nicht jeder Text aus meiner Feder stammen. Wir wollen die deutsche Dichtung bewahren und neu beleben. Dazu muß man auch andere Autoren dem Publikum vorstellen. Der eigene Ehrgeiz muß an dieser Stelle zurücktreten – das große Ganze zählt.
Ihr habt, wie schon auf "Sterbender Satyr", mit der Sängerin Sandra Fink aka Safi zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?
Uwe: Ich lernte Sandra Fink über Claudia Arndt kennen, die mit ihr zusammen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst/Leipzig studierte. Sie ist eine vielseitige Künstlerin, oft unterwegs, und nicht nur in Sachen Musik höchst begabt.
Wie beurteilt ihr den Stellenwert der Kunst in unserer heutigen Gesellschaft? Und da ich für ein Metal-Magazin schreibe, würden mich auch eure Ansichten zur Metalszene sehr interessieren. Könntet ihr euch beispielsweise in euren Gedanken vorstellen, eure Ideen in Form metallischer Tonkunst zu verwirklichen?
Frank: Der Begriff, den eine Gesellschaft von Kunst hat, ist wandelbar. Er ist überdies bei jedem Menschen verschieden. Fest steht: Eine Welt ohne Kunst wäre eine traurige Welt. Vielleicht ist die Menschheit ohne Kunst gar nicht existenzfähig. Zum Heavy Metal: Ich bin nicht im Bilde, was sich dort tut, habe das Interesse vor gut 10 Jahren verloren. Einige Aktivisten aus diesem Bereich machen jetzt anderes, auf Anhieb fällt mir JESU ein, aus meiner Sicht ein großartiges Projekt. Bei „Tonkunst“ muss ich übrigens immer an Töpferarbeiten denken.
Uwe: Die heutige Kunst ist mir zu banal geworden. Kein Wunder, denn aus meiner Sicht richtet sich die Kunst zu sehr nach dem Markt. Eigentlich sollte es umgekehrt sein. Obwohl ich mit der Metal-Szene überhaupt nichts zu tun habe, bin durch und durch Metaller. Für ein Konzert meiner jetzigen Favoriten Holy Martyr und Battleroar düse ich sogar im November nach Rom. Früher hatten wir mehr mit der Heavy Metal zu tun. Wen es interessierst, der kann sich ja mal bei www.noltex.de umschauen.
Auftritte sind in der Geschichte von Orplid nur sehr wenige zu finden. Haltet ihr Konzerte für bedeutsam, beispielsweise um mit dem Publikum in direkten Kontakt zu treten, oder empfindet ihr es als erfüllender, im Studio zu arbeiten?
Frank: Ganz klar favorisiere ich Letzteres. An einer Idee zu arbeiten ist interessanter als diese immer wieder zu reproduzieren.
Uwe: Für mich haben Bühne und Studio den gleichen Stellenwert. Aber - da muß ich Frank Recht geben - Orplid machen keine Livemusik. Klang- und Textgebilde sind zu komplex und fragil geworden. Wer mal eins der Musik-Projekte aus unserem Umfeld sehen möchte, kann ja zu einem BARDITUS-Konzert kommen: www.barditus.org
Frank und Uwe, ich danke euch herzlich für eure Zeit und die Beantwortung all dieser Fragen. Ich wünsche euch viel Erfolg mit eurem neuen Album. Die letzten Worte gehören euch.
Frank: Danke für das Interesse und die abwechslungsreichen Fragen. Danke an alle, die uns mögen und unterstützen. |
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ORPLID & obliveon.de 2008 |
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„Greifenherz“ ist, verglichen mit Euren letzten Veröffentlichungen, sehr viel martialischer und, wie ich finde, sperriger ausgefallen. Warum diese Stiländerung? War dies eine ganz bewusste Entscheidung oder das unbewusste Ergebnis der politischen und sozialen Umstände, in denen wir leben?
Frank: Die Entscheidung war durchaus bewusst, die politischen und sozialen Umstände sind da unschuldig. Stiländerungen hatten wir bisher noch auf jeder Veröffentlichung, so dass dies schon fast zur Tradition geworden ist. Tatsächlich wollten wir diesmal etwas härter, finsterer und bissiger klingen als auf den vorangegangenen Alben. Einfach um die gemeinsame Arbeit für uns selbst interessant zu halten, denn wer von seiner Musik nicht leben kann oder muss, macht sie in erster Linie zum eigenen Vergnügen.
Textlich handelt es sich bei „Greifenherz“ um „Reflexionen von Träumen, die sich mit Krieg, Tod und Zerfall“ beschäftigen. Sind dies die Themenkomplexe, mit denen gerade Du, Uwe, Dich in den letzten Jahren verstärkt beschäftigt hast.
Uwe: Träume kommen und gehen. Man kann sie kaum steuern. Nur bedingt sind sie Reflexionen vom Tagesgeschehen. Meist werden Ängste und Hoffnungen verarbeitet – so geschehen auf unserer aktuellen Veröffentlichung. Ich habe mich nicht explizit mit speziellen Themen beschäftigt, denn man muß kein Künstler oder sonderlich sensitiver Mensch sein, um die nahende Welt-Katastrophe zu erahnen: ein Blick in die Nachrichten genügt!
Würdet Ihr „Greifenherz“ vor diesem Hintergrund als ein Konzeptalbum bezeichnen? War es als Konzeptalbum geplant oder ergab es sich aus der gemeinsamen Konnotation der Texte?
Frank: Um den Frageteil mit der „Konnotation“ zu verstehen, bin ich wahrscheinlich zu ungebildet. Aber ich glaube schon, dass man von einem Konzeptalbum sprechen kann. Thematisch/inhaltlich sind die Stücke recht verwandt, wenngleich sie in ihrer Abfolge weder eine Geschichte erzählen noch eine bestimmte Wirkungsabsicht verfolgen.
Wenn diese Texte auf Träumen beruhen, was sagen Sie über Dich / Euch als Menschen und Deinen Charakter aus? Bist Du / Seid Ihr (ein) Kämpfer?
Uwe: Ja, sicherlich, aber auch das Gegenteil davon, was ebenso gut in den Texten zum Tragen kommt.
Frank: Zumindest habe ich eine militärische Ausbildung genossen und mir im Laufe der Jahre ein Gewicht von ca. 100kg angefressen, so dass mich im Falle eines Falles der erste Windstoß nicht gleich umhauen wird. Ob mich das zu einem Kämpfer macht, weiß ich nicht, ich spiele doch lieber Gitarre als Auseinandersetzungen zu suchen.
Mit „Der Anarchist“ habt Ihr einen Text Frank Wedekinds vertont. Warum gerade dieser Text und was fasziniert Euch an Wedekind so sehr, dass Ihr eins seiner Gedichte vertont? Ist es seine immer wieder geäusserte Kritik an der Gesellschaft, die Euch dazu veranlasst hat?
Uwe: Zuerst findet eine Text-Auswahl unter rein ästhetischem Blickwinkel statt; Das Gedicht ist kurz, prägnant und scharf wie ein Messer, auch vom Inhalt her. Es stellte einen guten Kontrast zu den sonstigen Texten dar, die ja mehr oder weniger in mythischer Traumsphäre angesiedelt sind.
Frank: Um „Kritik an der Gesellschaft“ zu üben, wird niemand Dichter, Maler oder Musiker. Denn das wäre ein Umweg.
Zwei Stücke auf „Greifenherz“ wurden erneut von Sandra Fink eingesungen. Ausser der Tatsache, dass sie bereits in der Vergangenheit mit Euch gearbeitet hat, ist wenig bis gar nichts über sie bekannt. Wer ist Sandra Fink? Hat sie ein eigenes Projekt mit dem sie Alben veröffentlicht?
Uwe: Ich lernte Sandra Fink über Claudia Arndt kennen, die mit ihr zusammen an der Hochschule für Grafik und Buchkunst/Leipzig studierte. Klar hat sie auch eigene Projekte. Sie ist eine großartige und vor allen Dingen vielseitige Künstlerin, oft unterwegs, und nicht nur in Sachen Musik höchst begabt. Wer in eines ihrer aktuellen Werke mal reinlauschen will, der kann das hier tun: www.myspace.com/diesafi
Orplid waren und sind immer auch eine Band gewesen, die den Pathos zum Stilmittel erkoren und perfektioniert hat, sei es mit Orplid, mit Barditus oder auch Primus Inter Pares. Mit Leger des Heils kommt eine weitere Band aus Halle, die den Pathos zum Stilmittel erkoren hat. Gibt es so etwas wie eine Keimzelle pathetischer Musik und Texte in Halle? ;-) …In wie weit gibt es gerade zwischen LDH und Orplid einen künstlerisch kreativen Austausch?
Frank: Wen sollen wir zum Stilmittel erkoren haben? Davon abgesehen ist der künstlerisch-kreative Austausch zwischen Uwe und mir schon anstrengend genug. Ich denke, wir sind beide egoistische Einzelgänger oder meinetwegen –kämpfer, wir sind nicht fähig, mit irgendwem in irgendeinen Austausch zu treten. Wozu auch?
Uwe: Als ORPLID haben wir mit LDH keinen Austausch. Mario A. wohnt bei mir um die Ecke, am anderen Ende der Dölauer Heide, und wir sind ganz normale Kumpels. Früher habe ich ihm mal etwas bei den Grafiken unter die Arme gegriffen, aber das war eben ein Freundschaftsdienst und keine künstlerische Kooperation.
„Traum von Blashyrkh“ ist, wenn ich recht informiert bin, Immortal gewidmet. Ist es nicht ein gewisser Widerspruch in sich, wenn solch eine auf Lyrik fixierte Band wie Orplid es sind, sich mit solch grobschlächtiger Musik auseinandersetzen? ;-)
Frank: Wo steht auch geschrieben, dass ein begabter Dichter gleichzeitig einen guten musikalischen Geschmack haben muss?
Uwe: Nein, das ist zu schwarz-weiß gedacht. Lyrik kann ja auch Kraft, Wildheit und Leidenschaft zum Ausdruck bringen, genau wie eben das Lied „Blashyrkh“ besagter Musikanten. IMMORTAL inspirieren mich schon seit vielen Jahren. Demnächst werden noch Lobgesänge auf MARDUK folgen, mit deren Panzerdivision ich inzwischen auch schon seit einer Dekade durch meine Traumwelt knattere.
Von Dir, Uwe, weiss man, dass Du neben Deiner Tätigkeit als Musiker auch weiteren künstlerischen Aktivitäten nachgehst und mit Noltex zudem einen eigenen Verlag gegründet hast. Wo siehst Du selbst Deine künstlerische Priorität? Welches Deiner Projekte ist das, von dem Du sagen würdest, dass Du alle Deine unterschiedlichen Aktivitäten am meisten einbringen kannst?
Uwe: Das weiß ich im Moment ehrlich gesagt selber nicht so richtig. Ich will mich in vielerlei Hinsicht reduzieren, um wieder essentiellere Dinge zu machen. Nächstes Jahr will ich nur Reisen und Schreiben. Mal sehen. Das Leben ist ein Abenteuer!
Sonnentau war ein weiteres Eurer Projekte, von dem man seit der Veröffentlichung der 10“ leider nichts mehr gehört hat. Gibt es Sonnentau noch? Kann man hier in absehbarer Zeit mit einer Veröffentlichung rechnen?
Uwe: Das steht noch in den Sternen. Ich hoffe bald. Fertig sind die meisten Lieder und sie klingen sehr, sehr schön.
Wie sieht es aus mit einer neuen Veröffentlichung von Barditus?
Uwe: Genaues steht noch nicht fest, aber Neugierige können ja schon mal auf www.myspace.com/noltex reinlauschen.
Orplid geben verhältnismässig wenig Konzerte. Wird es zu „Greifenherz“ eine Tour oder wenigstens ausgewählte Konzerte geben?
Frank: Sehr wahrscheinlich nicht. Uwe sieht das sicher anders, aber die Bühne ist für mich nicht der erstrebenswerteste Platz. Am meisten habe ich bei den bisherigen Auftritten noch das Catering genossen, aber gut essen kann ich schließlich auch woanders (sogar ohne etwas dafür tun zu müssen).
Uwe: Unser aktuelles Live-Projekt heißt BARDITUS und wir sind jederzeit über www.noltex.de buchbar.
Eins dieser seltenen Konzerte fand in Leipzig im Rahmen des WGT im Völkerschlachtdenkmal statt. Wie sind Eure Erinnerungen an diesen Auftritt und wie habt Ihr die Atmosphäre während des Konzertes in diesem monumentalen Denkmal empfunden?
Frank: Der Hall im Denkmal ist fantastisch, aber nur für Chöre geeignet. Vielleicht hätte man damit arbeiten können, das hätte jedoch intensive Proben vor Ort vorausgesetzt. Die Kulisse, die der Raum bot, wiederum war sehr schön. Das Publikum war zum Teil, wie ich hörte, etwas enttäuscht, dass wir nicht in Uniform oder Anzügen aufgetreten sind. Aufgrund des zivilen Anlasses und der Tatsache, dass an dem Abend niemand heiraten wollte noch beerdigt wurde, hielten wir beides jedoch für unangemessen.
Uwe: Es war sehr ergreifend! Allerdings bin ich erst beim letzten Stück richtig warm geworden. Angesichts der dortigen Kälte, war das auch kein Wunder! Für mich war vor allen Dingen wichtig, daß wir Herrn Schilling in Form einer Lesung ein würdiges Podium bieten konnten. Somit trennte sich schnell die Spreu vom Weizen. Jene Gestalten, die eine „inhaltlose Rockn Roll-Show“ statt Sprache und Geist erwartet hatten, räumten das Terrain für wirkliche Interessenten.
Als Veranstalter von Konzerten aus dem Neofolk-Genre in Halle habt Ihr leider immer wieder mit Problemen der Zensur und mit der Antifa zu tun und nicht zuletzt gegen Dich, Uwe, wurde vor nicht allzu langer Zeit von Seiten Indymedias massiv „geschossen“. Letzter trauriger Auswuchs dieser Entwicklung war der brutale Übergriff auf Camerata Mediolanense in Freiburg (Schweiz). Wie stehst Du dieser Form der Auseinandersetzung gegenüber? Werden solche Vorfälle auch Deine Arbeit als Veranstalter beschränken?
Uwe: Ich selbst würde dieses anonyme Internet-Gekritzel kaum registrieren, wenn mir nicht besorgte Hörer Auszüge zukommen lassen würden. Der ganze Kram landet in meinem Kuriosum-Hefter, aus welchem ich gerne von Zeit zu Zeit zu heiterer Stunde vor Freunden rezitiere. Form und Ausdruck der Pamphlets lassen allerdings zu wünschen übrig. Vom putzigen Inhalt ganz zu schweigen, denn der ist zumeist schlichtweg erlogen – einfach köstlichster Unsinn! Aber es soll letztlich jeder denken, schreiben und von mir aus auch fürchten was er will; …die Gedanken sind frei! Einschränken werde ich mich gewiß nicht, denn DAS wäre dann wirklich gefährlich – man würde Dummheit, Aggression und Intoleranz Raum geben in dieser Welt. Das darf nicht sein!
Frank: Es gibt Menschen, die gehen mit ihrer Freizeit schöpferisch um. Andere bringen selbst nichts zustande und begnügen sich damit, das was die schöpferischen Menschen fabrizieren, gut oder schlecht zu finden. Unter denen wiederum gibt es einige, die meinen, dass es das, was sie persönlich für schlecht erachten, gar nicht geben dürfe. Manchmal haben sie recht und manchmal nicht.
Was Camerata Mediolanense passiert ist, ist traurig. Ohne Frage. Es würde jedoch zu weit gehen, wenn man darin einen neuen Trend, eine neue Gefahr entdecken wollte. Übergriffe irgendwelcher Idioten (vorzugsweise vermummt), Diffamierungen im Internet (vorzugsweise anonym) etc. gibt es tagtäglich, weil die jeweils andere Seite vermeintlich zu links, zu rechts, zu schwul, zu dumm oder zu schlau ist. Jeder, der sich in irgendeiner Form in der Öffentlichkeit bewegt, war schon oder ist davon betroffen. Aber niemand, dem das, was er tut, etwas bedeutet, lässt sich davon einschüchtern.
Gibt es Pläne für die Veröffentlichung einer DVD?
Frank: Es ist ja in den letzten Jahren mächtig in Mode gekommen, von allen möglichen Bands und Musikern DVDs zu veröffentlichen. Mich reizt daran nichts und es macht für uns wenig Sinn, da es weder geeignete Live-Aufzeichnungen gibt noch Videoclips zu unseren Stücken. Musik aufzunehmen und zu hören ist für mich aufregend genug, ich brauche dazu keine bunten Bilder.
Uwe: Vielen Dank, Michael - für dieses Zwiegespräch - und an alle Leser von obliveon.de für die nun schon Jahre währende Unterstützung unserer Projekte. |
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ORPLID & necroweb.de 2008 |
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Erst einmal Glückwunsch zu Eurer starken Veröffentlichung! Ist “Greifenherz“ im Endresultat so geworden wie ihr es wolltet oder seid ihr mit etwas unzufrieden?
Uwe: Vielen herzlichen Dank! Wir sind sehr froh, aber zufrieden sollte man nie sein, denn das wäre der seelische Tod. Ich für meinen Teil kann sagen, daß man wieder einen Schritt weiter in Sachen künstlerischer Reife gegangen ist und wenn das neue Werk den Leuten auch so gefällt wie uns – um so besser!
Auf dem neuen Werk wurden auch wieder die Werke bekannter deutscher Dichter wie Rolf Schilling oder Frank Wedekind vertont. Ist dies bei ORPLID schon Tradition und gibt es ein bestimmtes Schema was die Auswahl der Dichter betrifft?
Uwe: Hier und da liest man ein Gedicht und findet plötzlich an einem Text besonderes Gefallen. Das kommt aus dem Bauch heraus und ist nicht weiter erklärbar. Man kann aber auch gezielt Wider- sprüche provozieren, um eine Cd interessanter oder unberechenbarer zu machen. Das Gedicht Wedekinds ist bissig von Form und Inhalt her und stellt einen Kontrast zu den sonstigen Texten dar, die mehr oder weniger in mythischer Traumsphäre heimisch sind.
Ist die Zusammenstellung der Tracks auf dem Album eher zufällig oder gab es in der Phase des Songwritings schon ein bestimmtes Konzept?
Frank: Ein inhaltliches Konzept gab es schon (Krieg, Verfall, Hoffnung, Aufbruch), aber nicht im Sinne einer zusammenhängenden Geschichte. Somit ist keines der Stücke zufällig auf dem Album gelandet; die Abfolge der Titel ist jedoch rein ästhetischen Prinzipien geschuldet, darin sollte man keinen tieferen Sinn suchen.
"Der Anarchist" ist ein sehr gefühlvoller Track geworden. Bedarf es für die Entstehung eines solchen Tracks einer gewissen emotionalen Stimmung?
Frank: Ich bin kein Musiker im engeren Sinn, ich arbeite ausschließlich mit Klang und Stimmung. Von daher sind Gefühlslagen, Launen, Witterung, Tages- und Nachtzeiten etc. für jedes Stück wichtig. Ein Lied mag aus nichts weiter als drei Akkorden bestehen, aber die klingen jedesmal anders. Gut, wenn im richtigen Moment die nötige Aufnahmetechnik bereitsteht, denn er wird sich so nie wieder reproduzieren lassen.
Einige Stücke auf „Greifenherz“ sind etwas harscher ausgefallen. Hat sich das von allein ergeben oder ist dies euer zukünftiger Weg?
Uwe: Von mir aus kann alles noch wahnsinniger und irrer werden, denn ich habe mich endgültig von der Romantik verabschiedet. Es ist nicht so dass es einen absoluten Bruch gab. Nur langweilen die „klassischen Sprachbilder“ irgendwann. Sie sind aber deswegen nicht schlecht. Es kommen nur neue Nuancen hinzu. Was aber immer bleiben wird bei uns ist die Form, sprich der Reim.
Frank: Gut möglich, dass das nächste Album noch weniger freundlich klingen wird. Das ist sogar sehr wahrscheinlich, aber man weiß ja vorher nie, ob es überhaupt noch eines geben wird.
Welchen Bezug habt ihr zu der norwegischen Black-Metal-Band Immortal,welcher ihr den Song „Traum Von Blashyrkh“ gewidmet habt?
Uwe: Immortal kenne und liebe ich schon seit schon seit vielen Jahren. Abbath, der von mir verehrte Sänger dieses Lärm-Ensembles, erschien mir im Traum in rosa Glitzerleggins und reichte mir ein Stück runenverziertes Gletschereis. Als ich daran schleckte geriet ich in kosmische Verzückung und schrieb völlig entrückt den Text zum Lied. Frank und Sandra haben diesen Wahnsinn äußerst gekonnt in irdischen Klang umgesetzt. Es ist mein Lieblingslied auf der Cd!
Sollten sich die Hörer eures Albums mehr mit den Texten beschäftigen oder hauptsächlich die Musik genießen?
Uwe: Das überlassen wir dem jeweiligen Hörer. Wir liefern einfach nur unser Bestes, aber eben dazu keinerlei Richtlinie wie man unsere Veröffentlichungen zu hören hat. Letztlich schaffen wir ein Gesamtkunstwerk!
Manche Bands benutzen den Neofolk als politisches Sprachrohr. Wie denkst du darüber?
Uwe: Davon habe ich zwar noch nichts gehört, aber jeder muß ja letztendlich machen was er für richtig hält. Unser Ding ist so was jedenfalls nicht. Wir sind Künstler, keine Politiker!
Frank: Manche Bands benutzen Neofolk, um sich alberne Uniformen anzuziehen, manche Bands benutzen Neofolk, um sich besonders geheimnisvoll zu geben, manche machen Neofolk, weil sie weder singen noch Gitarre spielen können, aber das Szenepublikum es zum Glück nicht mitbekommt. Können sie meinetwegen alles machen. Solange sie mich damit nicht belästigen.
Wird Neofolk irgendwann auch mal 'Mainstream' innerhalb der Szene? Wie ist deine Meinung dazu?
Uwe: Aus meiner Sicht ist Neofolk nur eine weitere Nuance des „Mainstreams“. Wir machen weder Neofolk noch „Mainstream“ – wir sind ORPLID, ziehen unseren Stiefel durch und interessieren uns nicht für Szenen und Tendenzen. Wir sind auf keine Zielgruppe spezialisiert. Schön ist es, wenn Leute verschiedenster Couleur sich an unseren Sachen erfreuen können.
Welchen Stellenwert nimmt ORPLID in deinem Leben ein und was bringt die Zukunft?
Uwe: Neben der Liebe zu meiner Familie und meiner steten Unruhe ist ORPLID bisher die einzige Konstante in meinem Leben.
Frank: Hätte ich nicht besser sagen können.
Deine zuletzt gehörte CD?
Uwe: Gerade läuft Jonny Hill „Meilensteine“.
Frank: Gun Club „Lucky Jim“.
Dein erlernter Beruf?
Uwe: Ich bin Metaller, durch und durch!
Frank: Für die Musik nicht relevant.
Bist du abergläubisch?
Uwe: Ja, manchmal schon.
Frank: Ich werde es zunehmend.
Deine Lieblingsband?
Uwe: Zur Zeit Holy Martyr.
Frank: Durutti Column.
Schon mal ein Musical besucht?
Uwe: Nein, und wenn, dann nur mit Kotztüte.
Frank: „Cats“ und ohne Kotztüte. Außerdem darf man Uwe nicht alles glauben, er ist ja selbst schon in einem aufgetreten.
Spaghetti oder Makkaroni?
Uwe: Beides, Hauptsache Fleisch ist mit dabei.
Frank: Konnte ich noch nie unterscheiden.
Wie wichtig sind dir Freunde?
Uwe: Sehr wichtig, nur bin ich selbst nicht immer der beste – befürchte ich.
Frank: Man braucht nicht viele, aber auf die muss Verlass sein.
Was macht dich wütend?
Uwe: Mangelnde Leidenschaft, Stagnation, pure Rationalität.
Frank: So ziemlich alles, hängt von der Situation ab.
Und was bringt dich zum Lachen?
Uwe: Auf alle Fälle nicht mein Boiler. Der ist gerade geplatzt und ich muß aller 5 min hinlaufen, um das auslaufende siedende Wasser in Eimern wegzuschleppen.
Frank: Siehe oben.
Wie viele CDs besitzt du?
Uwe: Selbstverständlich 666 Stück.
Frank: Nie gezählt. Ich werde wohl nicht alt genug werden, um jede wenigstens zweimal im Leben gehört zu haben. |
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ORPLID & metal.de 2008 |
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"Greifenherz" ist deutlich roher und heftiger ausgefallen als "Sterbender Satyr", genau genommen hat man euch lange nicht mehr so ungestüm und ungeschliffen gehört. Woher der Kurswechsel; oder soll das vorerst nur ein kleiner Ausflug bleiben?
Uwe: Wir hatten von Anfang an vor, ein krasseres Album zu schaffen. Ob es nur ein Kurswechsel ist, wird die Zukunft zeigen. Ich wünschte mir fürs nächste Album noch mehr Druck, Wahnsinn und Brachialität, aber mal sehen was die Zeit mit sich bringt? Vielleicht begegnet man im kommenden Jahr der Liebe und wird friedlicher? Aber wollen wir doch hoffen, daß nichts zum Guten ausschlägt und wir immer schön depressiv und unzufrieden bleiben - sonst passen wir nicht mehr ins Klischee der Neofolk -Gothic- oder sonstwas-Szene!
Auch die Texte, die dieses Mal vertont wurden, sind düsterer und kriegerischer als sonst. Bis zu welchem Grad spiegelt ORPLID persönliches Empfinden wider?
Uwe: Das Frank und ich nicht unbedingt Frohnaturen sind, hat sich ja bestimmt schon rumgesprochen. Wir waren in unserer Jugend die Jungs, welche in der Disco rumstanden, nie tanzten und immer nur aus sicherem Abstand das heitere Ringelrein der glücklichen Narren beobachteten. Düsterer finde ich die Texte eigentlich nicht, denn es wird stets der Traum als Ausweg und Erlösung angeboten. Im Gegensatz zum letzten Album, wo es ja fast nur ums „Sterbenwollen“ ging. Kriegerischer sind die beschriebenen Bilder, das stimmt allerdings, aber sie vermitteln auch Kraft und Zuversicht. Die lebensbejahende Aussage der Cd könnte frei nach dem Motto christlicher Mystiker lauten; „Wer nicht stirbt, eh er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.“
Erneut hat Sandra Fink an einigen Stellen den Gesang übernommen. Wie stark ist sie an der Umsetzung ihrer Passagen beziehungsweise an der Musik insgesamt beteiligt?
Uwe: Sie bekommt eine Grundmelodie vorgelegt und kann sich ansonsten nach Belieben austoben, was sie auch äußerst gekonnt und mit großer künstlerischer Sorgfalt macht. Ich kann sagen, daß sie meine Lieblingssängerin ist. Die von ihr gesungenen Texte habe ich extra für ihre Stimme geschrieben. Sowas kann nur Sandra in ihrer unverwechselbaren Art richtig rüberbringen:
„…Wo im Schnee Dämonen krächzen, Wo die Schatten nach dir lechzen, Wo noch Wälder, winterlich, Traute Runenlaute ächzen…“
„Traum von Blashyrkh“ und „Totenesche“ sind neben „Luzifer“ und „Gesang an den Horusfalken“ in meinen Ohren der Höhepunkt unserer aktuellen Veröffentlichung.
ORPLIDs Textgut orientiert sich deutlich an deutscher Dichtung und nicht so sehr an (einstigem) Volksglauben. Ich habe Neofolk und Artverwandtes immer als etwas Identität-Stiften-Wollendes oder Rückbesinnendes empfunden. Wo würdet ihr euch da verorten?
Uwe: Ja, mit Germanenhokuspokus und Gestern-Verherrlichung haben wir wirklich nichts am Hut. Auf Besinnung und Identitätsstiftung sollte Kunst meiner Meinung nach eigentlich immer abzielen. Wenn Kunst nicht diesen Anspruch hat, ist sie nur seichter Unterhaltungsmüll.
Die Motivation eures Schaffens mit ORPLID erklärt ihr stets mit Bezug auf deutsche Literatur. Wollt ihr bewusst erzieherisch oder gar als Kulturerhalter auftreten?
Uwe: Ich glaube dafür ist es zu spät. Der Niedergang ist im vollen Gange. Es ist kultureller Winter in Deutschland, aber nicht nur hier, auch anderswo auf der Welt! Die Beliebigkeit hielt Einzug in alle Bereiche des Seins. Man kann nur Saatkörner säen und hoffen, daß irgendwann ein Frühlingserwachen kommt. Bis dahin sitzen Frank und ich aber schon sicherlich Met pichelnd und aller irdischen Sorge entledigt in Walhalla. Ich freue mich schon sehr darauf!
In diesem Zusammenhang würde mich auch interessieren, wieviel Wert ihr der Rezeption eurer Texte beimesst. ORPLID will laut Bekunden eurer Netzseite ein "Refugium aus Lyrik, Schönheit und Gesang" bieten - seht ihr euch eher in der Tradition simpler romantischer Realitätsflucht oder als Träger hoher musikalischer Ansprüche, wo doch gerade entlegene Stile wie Neofolk und dergleichen sich gerne als Gegenpol zum Massenwahn der Popmusik stilisieren?
Uwe: Es freut mich natürlich, wenn die Leute sich mit Texten beschäftigen und Gedanken machen – auch über sich selbst; wer und warum sie sind und woher sie kommen. Ansonsten sind wir weder Realitätsflüchter, noch Gegenpol zum sogenannten Mainstream. Die heutige Realität ist zu banal, als das man vor ihr flüchten müßte. Als Künstler schafft man sich seine eigene Wirklichkeit. Die Umwelt kann an ihr teilnehmen oder nicht - völlig egal, wenn man nur fest an sich und seine Sache glaubt. Und um einen Gegenpol zu Trends und Mainstream darzustellen, sind wir uns zu schade. Da ist der kunterbunte Quatsch, der durch die hiesigen Medien geistert doch zu belanglos. Wir sind ORPLID - Punkt!
Auf "Greifenherz" befindet sich mit "Traum von Blashyrkh" auch eine Huldigung an die Norweger IMMORTAL. Inwiefern passt ihr Schaffen zu dem, was ORPLID ausmacht?
Uwe: Als eine Huldigung an IMMORTAL ist das Lied nicht unbedingt zu verstehen. Privat würde ich denen nicht unbedingt begegnen wollen. Mir hat es schon gereicht als ich Abbath ungeschminkt auf einem Zeitungscover sah. Er soll doch bitteschön ein krächzender, unnahbarer Dämon bleiben und keine langweiligen menschlichen Seiten offenbaren… Unser Lied ist mehr ein Lobgesang auf die Phantasie und auf die Freiheit ein eigenes Gedankenreich – in diesem Fall besagtes Blashyrkh - zu gründen und zu bewohnen, unabhängig von Untergang und Zerfall.
Die Musik von IMMORTAL inspiriert mich schon seit vielen, vielen Jahren. Sie vermittelt Kraft! Auch Klänge und Worte können Kraft vermitteln. Dazu bedarf es nicht unbedingt eines hämmernden Schlagzeuges und einer sägenden E-Gitarre. Das ist wohl die einige Parallele zu ORPLID. Ansonsten ist es mehr oder weniger mein alleiniger Spleen – Frank ist da unschuldig! Ich liebe IMMORTAL - und Liebe ist nun mal irrational und läßt sich schwer erklären. Und wie der Zufall es will - gerade sausen die blizzard beasts lautstark durch meine Boxen.
Schon 2002 in einem Interview, das Du, Uwe, unserem Magazin damals gegeben hast, sprachst du von einem Gedicht namens "Luzifer" von Rolf Schilling, das auf Umsetzung dränge. Auf "Greifenherz" ist es endlich dazu gekommen. Wie lange trägst Du, tragt ihr beide, Ideen mit euch herum, bevor sie verwirklicht werden?
Uwe: Wenn unsereins etwas richtig begeistert, läßt es einen so schnell nicht wieder los. Aufs letzte Album, das ja ziemlich romantisch war, hätte der herrlich nihilistische Text von „Luzifer“ nicht gepaßt:
LUZIFER
Spürt, bis ins Herz eurer friedlichsten Tage, Söhne des Staubs meinen knirschenden Schritt, Wenn ich mit rauschendem Fittich zerschlage Sanftes Getier, das mich liebend erlitt.
Schöner als Gott und die himmlischen Heere, Reiten wir, Engel vom Unteren Reich, Silbernen Hufs durch die steinerne Leere, Städte, schon morgen dem Erdboden gleich.
Muschelgehäus, das ich lachend zerstöre, Panzer aus Kalk, meinem Eifer geweiht, Dorrender Austern arkadische Chöre Tönen, zum Untergang heiter bereit,
Göttern, die klagend in Sümpfen versanken, Holdeste Botschaft verkündigend: Stirb! Beute dem zärtlichen Hieb meiner Pranken, Krümmt sich ein Engel mit zähem Gezirp.
Falken, die heiligen Werke zu segnen, Zucken am Himmel, den Blitzen zum Raub, Feuer wird fallen und Asche wird regnen, Schlangen, sich sonnende, spielen im Staub.
Nichts, nur der Schutt soll den Tag überdauern. Dies meine Botschaft - nun geht, und viel Glück! Fern eurem Traumgelall, fern eurem Trauern Trägt mich mein Fittich ins Chaos zurück.
Insbesondere von Rolf Schilling, einem ansonsten recht unbekannten Dichter, vertont ihr ja eine ganze Menge. Was findet ihr in seinen Gedichten?
Uwe: Rolf Schillings Gedichte sind mehr Malerei und Musik als geschriebenes Wort. Das er recht unbekannt ist liegt nicht an ihm und seinem Werk, sondern an der Trägheit von Frau Welt, die mit einer Zeitgeist-Schlafmaske den aufregendsten Dichter des 20. Jahrhunderts schlichtweg verpennt. Wir haben mit ihm ein Hörbuch namens „Gesang überm Quell“ produziert. Wer mehr über Rolf Schilling sowie über uns und unsere Kunst erfahren möchte, den lade ich zu einem virtuellen Rundgang auf www.noltex.de ein!
Vielen Dank für dieses Zwiegespräch und schwarzmetallische Grüße an alle Leser von metal.de! |
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ORPLID & musikreviews.de 2008 |
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Glückwunsch zum neuen Album – es passiert nicht oft, dass ich ein Album beim ersten Hören einfach schrecklich finde, es dennoch immer wieder hören muss und es am Ende doch noch zu schätzen weiß. Kannst du so eine Reaktion nachvollziehen?
Uwe: Das kann ich gut verstehen, Nils! Mir ging es auch es so bei einem Album von Massiv. Ich bekam eine Promo-Cd geschenkt und habe mir den Mist erst unter einem Spaß- und Ekel-Aspekt reingezogen, aber dann immer öfter beim Kraftsport konsumiert. Als doch ziemlich verdächtig oft die Cd rotierte und ich schon anfing „mitzusingen“, gab es nur eine Rettung für meinen guten Geschmack; ab in den Müll damit! Ich hoffe Du wirst nicht eines Tages mit unserem Silberling auch so verfahren müssen, denn wir haben uns sehr viel Mühe gegeben.
Die Texte auf „Greifenherz“, egal ob sie von dir geschrieben wurden oder von anderen Autoren stammen, sind sprachgewaltig und düster. In ihren bedrückenden Stimmungen werden sie durch die jeweiligen Instrumentierungen noch verstärkt. Muss Literatur, egal ob Lyrik oder Prosa, für dich eine dunkle Note besitzen?
Uwe: Ja, unbedingt, schließlich sind wir ja Dark-Waver! Nein, im Ernst; Alle Dinge haben eine Kehrseite – Ying und Yang sind allgegenwärtig. Würde man in der Kunst die dunkle Seite des Seins aussparen, würde man flache Unterhaltung schaffen. Andererseits ist es genauso albern, nur einen auf „evil“ zu machen. Erst wenn im Werk die Dualität aufgehoben ist - indem man sie auslebt und einbringt - , darf von Kunst gesprochen werden.
Die Worte in euren Stücken muten archaisch an. Da sehe ich einen Kontrast zu den moderneren Einflüssen, den beinahe schon Industrial-artigen Instrumentierungen, die den folkloristischen Grundton begleiten. Ist dieser Kontrast bloß eine subjektive Empfindung meinerseits oder spielt ihr bewusst mit diesem scheinbaren Widerspruch? Wenn ja: Welche Absicht des Ausdrucks steht dahinter? Oder mal richtig blöd ausgedrückt: Was wollen uns die Musiker damit sagen?
Uwe: Ein Widerspruch von Text und Musik kann durchaus reizvoll sein, weil im Endresultat völlig neue Aspekte zu Tage treten. Außerdem nimmt jeder die Wirkung der Worte anders war. Gewisse Spielräume haben Frank und ich innerhalb von ORPLID. Wenn der eine sich nicht gut verstanden fühlt, wird eben eingelenkt.
Frank: Die Musik versucht, die Texte angemessen in Szene zu setzen, dass sie moderner anmutet als die verwendete Sprache mag daran liegen, dass meine musikalischen Wurzeln und Haupteinflüsse nicht viel weiter als 40 Jahre zurückreichen. Ich denke aber, dass selbst Uwes Sprache zu kultiviert ist, um wirklich archaisch zu sein, die humanistische Bildung hat gewissermaßen ihre Spuren hinterlassen.
Manch einer würde sagen, eure Texte seien nicht „schön“, obwohl sie künstlerische Qualitäten aufweisen. Was bedeutet „schön“ für dich in der Literatur? Was hältst du vom sogenannten „amoralischen Ästhetizismus“, bei dem es nur um Schönheit um der Schönheit willen geht, ohne z.B. ethische und soziale Fragen in eine Bewertung mit einfließen zu lassen?
Uwe: Das ist eine interessante Frage, wo es ja auch um die „Verantwortung der Kunst“ geht. Endlich mal einer der es ausspricht: Klar, die Sprachbilder sind weder schön, noch moralisch. Sie sollen verstören, aufrührerisch sein, aber in erster Linie bewegen, zum Nachdenken und Selbstfinden - das ist die einzige Verantwortung des Künstlers! Die „Moral“ des jeweiligen Zeitgeistes darf unsereins nicht vereinnahmen. Epochen kommen und gehen. Man sollte möglichst zeitlos denken, fühlen und handeln, um sich bis in seine menschliche Tiefen ausloten zu können.
Die Stimmungen, die auf „Greifenherz“ vermittelt werden, sind für mich nicht immer auf Anhieb eindeutig zu bestimmen. Es ist nicht nur die Wahl der Worte, sondern auch der außergewöhnliche Gesang, die ungewöhnliche Intonation der Worte, die es beim ersten oder zweiten Hören schwierig machen, eure Musik in eine bestimmte Stimmungsschublade einzuordnen. Extrem ist es bei den Stücken, die von Sandra Fink gesungen werden. Glaubst du, dass es vielen Menschen an der Fähigkeit mangelt, feine Bedeutungsunterschiede wahrzunehmen und solche Musik genießen zu können?
Uwe: Ob uns manche Leute gut oder schlecht finden, kann und darf uns nicht interessieren. Wir haben wie immer viel Liebe und Fleiß in die Cd rein gesteckt und der Rest liegt in Gottes Hand. Der eine tanzt eben nach der Musik, der andere lauscht auf die Texte, ein anderer findet uns wiederum völlig widerlich – das ist doch normal. NOCH bewegen wir uns ja alle in einer Welt der Vielfalt und können frei entscheiden, was und wen wir lieben.
Frank: Die Fähigkeit zur Wahrnehmung feiner Unterschiede steckt in jedem Menschen, mancher lässt sie nur verkümmern. Wobei wir ja eigentlich dem Hörer nicht so sonderlich viel abverlangen. Was wir machen, ist doch schon beinahe Unterhaltungsmusik.
Ob ihr es wollt oder nicht: Ihr werdet grob in die Neofolk-Schublade einsortiert. Kannst du damit leben? Ist eine „Szene“ in deinen Augen überflüssig oder notwendig?
Uwe: Neofolk – hin oder her, das soll jeder halten wie er will. Wir haben uns da nie drum geschert. Szenen bieten Rückzugsräume für den Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft. Wenn sich jemand in einer speziellen Szene wohlfühlt, dann ist er sicherlich dort gut aufgehoben. Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden oder sich zumindest einbilden, es zu sein.
Frank: Mir ist es eigentlich gleichgültig, wo man uns „einsortiert“. Populäre Musik und Szenedenken gehören wohl zusammen. Wenn jemand meint, unsere Musik und unser Erscheinungsbild passen hier oder dort hin, kann ich dagegen nichts tun.
Wer besitzt deiner Meinung nach ein „Greifenherz“ außer dem Vogel selbst?
Uwe: „Krieger, Hexen und Zauberer“, also wache, starke Menschen mit spirituellem Bewußtsein.
Früher war alles besser. Warum ist das so?
Uwe: Wahrscheinlich mythisiert man vergangene Epochen und Phasen. Das ist in welthistorischer Sicht so und auch im Privatleben des Einzelnen. Eventuell macht diese Verhaltensweise unser Dasein erträglicher. Irgendwas wird sich die Evolution schon dabei gedacht haben.
Frank: Letztlich ist das eine von vielen Redensarten, die gern unreflektiert wiedergegeben werden, in Wahrheit glaubt das ja niemand ernstlich. Mitunter ist es natürlich auch eine Gesinnungsfrage, in welche historische Epoche jemand sich zurückwünscht.
Heutzutage haben wir es besser als früher. Warum ist das so?
Uwe: Weil es im Prinzip in Deutschland den meisten Menschen gut geht, Frieden herrscht und glücklicherweise hierzulande nur noch Black Metal Krieg ist.
Frank: Weil unsere Eltern und Großeltern hart dafür gearbeitet haben.
Zum Abschluss: Was hat dich zuletzt so richtig fasziniert?
Uwe: Letzte Woche hatte ich Garnelennachwuchs im Aquarium. Das war ein aufregendes Naturschauspiel. Viel bewegender als die Wahl des US-Präsidenten.
Frank: Bei mir zuhause gab es Meerschweinchen-Nachwuchs und Obama ist so schwarz wie Angela Merkel ostdeutsch.
Danke für deine Zeit und Mühe!
Nils, wir haben für das Interesse zu danken – alles Gute für Dich und die Leser von musikreviews.de. Wer mehr über uns erfahren will, kann sich gerne bei www.noltex.de/ umschauen! |
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