Lingaraja

Tänzer im Tigerfell, Schäumer, den Schlangen gewogner,
Stahl, drin der Himmel sich spiegelt in Schatten und Glanz,
Fisch-quick und Traum-schwer, so paart er als Milchner und Rogner
Fülle des Weibes dem phallischen Ragen des Manns.

Schlürfer am Honig-Hort, Knacker der bittersten Kerne,
Blüher der Sümpfe, verwurzelt im Un und im Ur,
Hebt er sein stolzes Gemächt bis zum Scheitel der Sterne,
Zieht er durch Stirnen und Schöße als Blitz seine Spur.

Er, der die Häupter mäht, er, der sie sprießen läßt wieder,
Er, der sie abschlägt und aufsetzt im göttlichen Spiel,
Schenkt auch der Greifin die Klaue, dem Pfau das Gefieder,
Malve dem gaukelnden Falter und Gift dem Reptil.

Träumer im Tigerfell: daß dir der Tänzer begegne,
Darfst du nicht hoffen, doch stellt er im Schlaf sich dir dar,
Flammen-hell, flehe du, daß er die Schwerter dir segne,
Eh du sie zückst für dein Spiel auf dem Schlangen-Altar.

Lodernde Lanze, die ragt aus vergessenstem Eden,
Sperber der unteren Pforte, vom sämigen Trunk,
Den er dir einflößt, beginnst du in Zungen zu reden,
Schwellen die Hörner des Heils dir in purpurnem Prunk.

Ob dich sein Fittich versehr, seine Sichel dir drohe,
Magst du nicht fragen, und ob er sein Schwert an dir wetz,
Träumer im Tigerfell, Tropfe vom Born seiner Lohe,
Auf seinem Schachbrett die schimmernden Felder besetz.

Schrittweis, dann sprungweis, das Zepter des Königs erbeutend,
Raubst du als Widder dem Stier, der die Festung geräumt,
Hörner und Hoden, und immer aufs Neue dich häutend,
Folgst du der Bahn, die der Gott dir mit Feuer umsäumt.

Ob er der Größte sei? – schimmernd im Glanz seiner Gnade,
Prangst du entfalteter Schwingen und ragenden Glieds,
Daß sich die Hyder dir bäum überm Sternengestade,
In seinem Traum, wenn du eintrittst, im tiefsten geschiehts.

Heiß ist sein Same wie flüssiges Gold, amaryllen
Leuchtet sein Auge, das Schrecken und Glut auf dich sprüht,
Wird sich der Festherr den Tänzern im Tempel enthüllen,
Wenn es aus Häuptern, aus roten, dir blutet und blüht?

Wenn seines Odems Geloh dir die Pforten des Leibes
Dunkler umwogt, wenn der brennende Speer vor dir steht,
Weißt du nicht mehr, ob der Seim dir des Manns oder Weibes
Oder sein Same dir süß auf der Zunge zergeht.

Sei, der den Stamm umrankt, sei, der die Stirn ihm umwindet
Mondener Haut, sei als Natter ans Ohr ihm geschmiegt,
Wo sich die Schwertholder wiegen vor Wonne erblindet,
Bist du der Pfeil, der im Traum alle Tore durchfliegt.

Schwanenflaum schließt sich um Flanken, die zittern, im Zepter,
Das deinen Hüften entspringt, glüht der Blut-Amethyst,
Schaumhäupter wallen empor, und aus eben verebbter
Flut steigen Hörner auf, stillst du am Stier dein Gelüst.

Aber die Säule von Feuer zerfällt vor dem bloßen
Klaffenden Schoß, wenn der Gott sich am Schwerttau geletzt,
Speer senkt sich nieder, vom Horn, das den Vorhang durchstoßen,
Hängt, wie die Hülle vom Pilz, das Gewebe zerfetzt.

Er, der die Sporen ins zuckende Fleisch dir getrieben,
Kehrt sich nachtabwärts, da schirmt ihn von Schlangen ein Kranz,
Über der Asche, darin deine Brünste zerstieben,
Zittert sein Schatten noch, strahlend in phallischem Glanz.

Denn wie ein Rausch ist sein Reich: wenn der Schleier zerflattert,
Bleibt vom Geflamm nur die Asche, die Nacht und der Wahn,
Horn steht geborsten und mürb, und um Schäfte genattert
Ranken sich Modergespinste wie Traum-Filigran.

Andere Götter und andre Gigantomachien
Mögen heraufziehn im Tag, der dir naht, und die Chefs
Anderer Clans, denen Zepter und Purpur verliehen,
Zieren den Fries und die marmorne Wand des Reliefs.

Aber nur Er soll als Tänzer im Traum dir erscheinen,
Dem auch der Stolze sich beugt, der die Kühnsten aussticht,
Seit du die Herrlichkeit sahst deines Herrn, dieses Einen,
Wird, was du anrührst, zu Gold, was du sprichst, zum Gedicht.

Kelche verschließen sich, Lippen und Lider verschorfen,
Wenn, der die Brünne dir schmolz, deine Schmiede verließ,
Aber der Blitz, der beflügelte, den er geworfen,
Hütet als brennender Speer noch dein Traum-Paradies.

Aber der Schlanke, Gespannte, dem Tiger Geminnte,
Der sich davonstahl vor Tag mit befiedertem Schuh,
Tupft auf die Fessel der Hindin mit purpurner Tinte
Zeichen des Heils und auf Stirnen sein Schlangen-Tattoo.

Schläfer umspielt er als Frühwind und seufzende Münder
Küßt er als Fisch, streift als Klinge vom Widder die Haut,
Daß er im Mittag dir üppiger blüh als Verkünder,
Spür, wenn sein drittes, sein phallisches Aug auf dich schaut.

Rasch wie er schwand ist er da: überm Scharlach-Gestade,
Wo noch das Haupt, das er mähte, das neunte, dir schäumt,
Hauch seines Odems du, Tropfe vom Born seiner Gnade,
Weißt du dich eins mit dem Holder, solang er dich träumt.

Rolf Schilling

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