Einhorn-Gesang VI

Wenn golden aus Hörnern, erhöhten,
Die Spende des Sommers entfloß,
Wenn dunkler die Lippen sich röten,
Versendet Apoll sein Geschoß,
Doch eh noch die Flüsse verrinnen,
Weckt, steigend am unteren Born,
Die Spieler zu frischem Beginnen
Der Springer mit goldenem Horn.

So geht er, getreu seinem Gotte,
Weiß schreitend in Glanz und Gelock,
Zum Tor, wo die Hüter der Grotte
Noch prunken in goldnem Barock,
Aus Wolken von Amber und Narde,
Vor Leibern, befochten vom Sporn,
Hebt frei seines Haupts Hellebarde
Der Springer mit goldenem Horn.

Wind regt sich im Dämmer der Flöten,
Dort stehn, wenn das Einhorn sich zeigt,
Die Fänger: sie werden uns töten,
Noch eh sich der Abend geneigt.
Doch immer, wenn Sehnen uns quälte,
Die Holder verbluten am Dorn,
Erweckte der Venus Erwählte
Der Springer mit goldenem Horn.

Nicht bietet sein Licht ihrer Gilde
Der Wiederkunft goldne Gewähr,
Doch einer, im Spiegel der Schilde,
Verkündet sein Schimmer: Gebär –
Gebär, den die Schnäbel nicht sehrten,
Bald führt uns, durch Trauben und Korn,
Zur Heimkehr in himmlische Gärten
Der Springer mit goldenem Horn.

Wenn dunkler die Lippen sich röten
Vom Blut, das der Holder vergoß,
Verströmt sich aus Hörnern, erhöhten,
Die Spende, die niemand genoß,
Dann endet in Purpur und Schweigen
Das Spiel und beginnt sich von vorn,
Tritt weiß aus den Schatten, die steigen,
Der Springer mit goldenem Horn.

Rolf Schilling

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