Inneres Heer (Uwe Nolte)

Wir neun Ewigkeiten gingen,
Stumm, vom Leben abgewandt,
Bis wir Schwert und Schild empfingen,
Bis einander wir erkannt.
Neunmal schlug uns höhnisch nieder
Dumpfes, menschliches Geschick,
Doch zur Walstatt kehrten wieder
Wir noch göttlicher zurück.

Unser Heer in Schattenreichen
Einstiger Titanen lebt,
Wartend, daß des Nordens Zeichen
Sich am Firmament erhebt.
Noch sind wir ein Irrlicht, flammend
Über aller Zeiten Bahn,
Einer Wirklichkeit entstammend,
Unberührt von Traum und Wahn.

Phönix, der sich funkensprühend
Nacht für Nacht dem Tod entreißt,
Ist die Sonne, die uns glühend
Wege nach Atlantis weist.
Ihm, der prangt auf jedem Schilde,
Ihm, dem alten Wappentier
Unserer erstarkten Gilde,
Folgen triumphierend wir.

Schlacht um Schlacht verlieh uns Würde,
Tag um Tag verlieh uns Glanz,
Doch des Sieges leichte Myrte
Wurde uns zum Dornenkranz.
Kraft und Stolz in uns verebbten,
Fiel der Feinde Heeresschar,
Wir, der Einsamkeit Adepten,
Harren größerer Gefahr!

Wir marschieren ungestümer
Weiter, dienen ohne Sold,
Rauben letzter Heiligtümer
Trügerisches Opfergold.
Luren schleudern Schlachtenpsalmen
Gellend in die Nacht hinein;
Möge ihr Gesang zermalmen
Jedes Götzentempels Stein!

Allem Irdischen entrissen,
Von Moral und Scham entzweit,
Wollen wir das Banner hissen
Tödlicher Gerichtsbarkeit;
Wollen unser Schwert erheben,
Jagen unser Wappentier.
Feindlos, kampflos uns ergeben,
Werden selbst zum Opfer wir.

Brünnen bersten, Speere splittern,
Leiber, ihrer Wehr entblößt,
Winden sich in Pfeilgewittern,
Seelen stürmen losgelöst,
Hetzen wilder, glühen, wehen
Durch des Weltengeistes Tal,
Wollen friedlich erst vergehen,
Frei, in ihrer Wahrheit Gral.

Wir sind Zarathustras Kinder!
Nach der Götter tiefem Fall,
Atmet ihre Welt noch hinter
Unserer Phalangen Wall.
Ja! wir salben uns mit Fluten
Ihres Leides, unser Heer
Wird mit ihnen duldsam bluten,
Bis zum Tag der Wiederkehr.

Nahen spät die schwarzen Boten
Aus der Welt, die einst zerrann,
Lauschen wir dem Wort der Toten,
Schließen uns dem Zuge an.
Runen brennen, Sterne fallen;
Doch wir achten ihrer kaum,
Wenn Jahrtausende verhallen,
Wie ein ungelebter Traum.

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