Schwester-Neid (Uwe Nolte)

Seh ich meine große Schwester
In dem neu gekauften Kleid
Das ihr Liebster gestern brachte
Frißt an meinem Herzen Neid.
Ich soll noch mit Puppen spielen,
Sie darf abends tanzen gehn,
Mich scheint niemand zu bemerken.
Bin ich denn nicht wunderschön?

Ihres Freundes teurer Wagen
Hält vorm Haus und sie steigt ein,
Neidisch schau ich aus dem Fenster
„Ach, die Welt, sie ist gemein!“
Später, wenn die Eltern schlafen,
Kämme trotzig ich mein Haar,
Blicke in der Schwester Spiegel,
Träume schluchzend, wunderbar.

„Soll doch meine Schwester fahren
In dem toten Ding aus Blech,
Mich wird mal ein Ritter holen!“
Sag ich mir im stillen frech.
„Er wird mutig mich entführen,
Er ist meiner Träume Held
Und auf einem stolzen Schimmel
Fliehen wir aus dieser Welt!“

Funken schlagen von den Hufen,
Immer kleiner wird Welt,
Ein Komet sind wir am Himmel
Strahlend hell im Sternenzelt.
Und er küßt mich auf der Schwelle
Von dem Tor zum weiten All,
Schmückt mein weiches Haar mit Blumen,
Ganz aus duftendem Kristall

Alle sollen um mich trauern
Wenn ich hier verschwunden bin,
Schweigend schau ich zu von oben,
Stolz, wie eine Königin.
Wenn ich so beim Kämmen träume,
Weicht der Neid und mir wird warm.
Wann wird zärtlich mich umschlingen
Meines Ritters starker Arm?

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